Dürfen Partner in einer Beziehung auch mal lügen?

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Von Christoph D. Frieß

"In diesen Klamotten siehst du dick aus!". Wer dem Wunsch des Partners nach einer ehrlichen Antwort immer so direkt nachkommt, könnte schnell ein Leben als Single fristen. Denn obwohl Wahrheit in unserer Gesellschaft als ein hohes Gut gilt, lügen sich Menschen tagtäglich an.

So wird auf die Frage "Wie geht es Dir?" meist keine Auflistung aller Probleme, sondern allenfalls ein "Danke, gut!" erwartet. Doch in Beziehungen wird absolute Ehrlichkeit meist automatisch vorausgesetzt. Fraglich ist nur, ob man den Partner trotzdem manchmal anschwindeln darf oder muß, um ihn zu schonen (oder sich selbst schützen) - oder ob man ihn immer mit der Realität konfrontieren sollte.

"Es gibt keine Regel, wann man in einer Beziehung lügen darf oder die Wahrheit sagen muß", sagt Hans-Werner Bierhoff von der Ruhr-Universität Bochum. "Einerseits wird Ehrlichkeit, Offenheit und Verläßlichkeit von den Partnern als tragende Säule einer Beziehung angesehen. Auf der anderen Seite wäre es aber auch für alle Beteiligten unerträglich, wenn jeder Gedanke ausgesprochen würde", betont der Psychologe.

Jeder Mensch reagiert anders, wenn es um Ehrlichkeit in einer Beziehung geht: Je nach den Erfahrungen aus Kindheit, Jugend oder vergangenen Beziehungen ist man mehr oder weniger mißtrauisch oder verletzbar. "Sich für oder gegen die Wahrheit zu entscheiden ist oft eine Gratwanderung", sagt Bierhoff.

Nach Ansicht des Paartherapeuten David Wilchfort sollte man sich auf sein Bauchgefühl verlassen: "Wenn das schlechte Gewissen drückt, muß man aufmerksam werden," rät der Autor des (Internet-)Ratgebers "www.couplecoaching.de". Ignoriert man das Gefühl, drohen weitere Komplikationen: Das schlechte Gewissen verändere das eigene Verhalten und damit auch die Situation zwischen den Partnern. Das sei leider ein Nährboden für neue Probleme.

Auch auf die Aussage des Partners, von einem Thema "nichts wissen zu wollen", könne man sich nicht einfach verlassen, warnt Wilchfort. Egal ob es sich um ein großes Problem wie Fremdgehen oder nur um eine Kleinigkeit handelt. Es gilt, genau zu überlegen, ob der Wunsch des Partners in diesem Fall tatsächlich Bestand haben soll. "Wenn man das Gefühl hat, das ist irgendwie nicht stimmig, sollte man das Thema auf jeden Fall ansprechen", rät er. Sonst drohten langfristig doch Konflikte.

Entscheidend sei außerdem nicht, ob man die Wahrheit sagt, sondern vor allem wie, ist der Paartherapeut überzeugt. "Es gibt tausend Arten zu sagen, wie man etwas findet oder was passiert ist. Solange man in der Aussage deutlich macht, daß man seinen Partner respektiert und schätzt, kann man fast alles sagen, ohne ihn unnötig zu verletzen."



Buchtips und Links zum Thema Lügen

Zum Thema sind folgende Bücher erschienen: Steffen Dietzsch: Kleine Kulturgeschichte der Lüge. Reclam. Leipzig 1998. 9,10 Euro (ISBN: 3379015806); Maria Bettetini: Eine kleine Geschichte der Lüge - Von Odysseus bis Pinocchio. Wagenbach. Berlin 2003. 10,90 Euro (ISBN: 3803124611); Rochus Leonhardt, Martin Rösel (Hrsg.): Dürfen wir lügen? Neukirchener. Neukirchen-Vluyn 2002. 19,90 Euro (ISBN: 378871929X)

An der Uni Regensburg gibt es ein Graduiertenkolleg zum Thema "Kulturen der Lüge". Im Internet können verschiedene Vorträge abgerufen werden. www.uni-regensburg.de/Fakultaeten/phil_Fak_IV/Kultur_der_Luege (ddp)

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