Schock fürs Leben

Einblick in die Welt der Defis

Sie hängen in öffentlichen Gebäuden, bleiben oft unbeachtet und können doch Leben retten. Defibrillatoren kommen nur selten zum Einsatz. Warum eigentlich?

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Defibrilatoren: nützlich, doch selten genutzt.

Defibrilatoren: nützlich, doch selten genutzt.

© seeyou | c. steps / stock.adobe.

MAGDEBURG. Ein lautes Piepen ertönt. Mit ruhigen Händen folgt der Rettungssanitäter den Anweisungen einer etwas mechanisch klingenden Frauenstimme. Diese ertönt aus dem Defibrillator. Routiniert befestigt der Mann zwei Klebeelektroden auf dem nackten Brustkorb vor sich. „Weg vom Patienten“, ruft er. Doch der Stromstoß durchs Herz bleibt aus. Der Einsatz ist nur eine Übung, der Patient bloß eine Gummipuppe.

Ob an Bahnhöfen, in Banken oder Einkaufszentren - es gibt immer mehr Defibrillatoren in Deutschland, einen kompletten Überblick hat aber niemand. Die größte Datenbank verzeichnet einen Zuwachs von mehreren Tausend Geräten pro Jahr. Doch sie sind deutlich zu unbekannt, werden nur selten genutzt. Hinzu kommt die Hemmschwelle bei Laien, die Geräte im Notfall auch einzusetzen.

In den Räumen des Landesverbandes des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Magdeburg findet der Kurs „Ausbildung für Ausbilder“ mit dem Schwerpunkt Aed (automatisierter externer Defibrillator) statt. Hier üben ausgebildete Helfer, Laien im Umgang mit dem Aed zu schulen und ihnen die Angst vor den Schockgeräten zu nehmen.

Das ist wichtig, findet Kursleiter Christian Hensel. Defibrillatoren seien das effektivste Mittel, das Ersthelfern zur Verfügung stehe. Die Geräte seien so konzipiert, dass jeder sie ohne Vorkenntnisse einsetzen könne.

Neustart fürs Herz

Wenn der Kreislauf zusammenbricht, versucht das Herz dies mit einer hohen Schlagfrequenz auszugleichen. Der Defibrillator beendet das Herzflimmern mit einem Stromstoß. „Das Herz wird auf Null gesetzt“, so Hensel. Nun haben Herzdruckmassage und Beatmung eine wesentlich höhere Chance, den Patienten zu reanimieren. „Der Defi bringt nur in Kombination mit einer Herzdruckmassage etwas“, sagt Hensel. Aus diesem Grund solle auch nur der Zweithelfer den Defi holen.

So konnte etwa im Januar 2013 mithilfe eines Defis, der im Justizministerium in Magdeburg aushängt, dem Gast eines nahen Hotels das Leben gerettet werden. Dennoch habe das öffentliche Interesse an dem Thema in den letzten Jahren nachgelassen, sagt Hans-Joachim Trappe.

Zu Unrecht findet der Mediziner, denn die Chance auf eine erfolgreiche Wiederbelebung beim rechtzeitigen Einsatz eines Defis liege bei etwa 55 Prozent, ohne das Gerät seien es nur rund 8 Prozent.

Der Kardiologe an der Ruhr-Universität in Bochum hat die Nutzung öffentlicher Defibrillatoren in verschiedenen Studien untersucht. Zwischen 2003 und 2015 hat Trappe etwa ein Projekt am Frankfurter Flughafen betreut.

Bei den über 500 Millionen Besuchern in diesem Zeitraum kamen die Schockgeber in gerade einmal 25 Fällen zum Einsatz. „Das Problem ist noch nicht gelöst. Trotz aller Bemühungen ist die Zahl der Tode durch Herzversagen relativ konstant“, sagt Trappe.

Was sind die Gründe für den seltenen Einsatz?

Dass die Defis nicht so oft eingesetzt werden, wie erhofft, hat laut Trappe vor allem zwei Gründe: Zum einen kann man nicht vorhersagen, wo plötzliche Herztode auftreten. Der optimale Ort für einen Defibrillator ist folglich schwer zu bestimmen. Zum anderen wissen viele Menschen nicht, wo sie im Notfall einen Defi finden oder haben Angst, ihn einzusetzen. Dagegen helfe nur, zu informieren, so Trappe.

Tatsächlich gibt es bundesweit weder ein einheitliches Kataster noch eine Meldepflicht für Defis. Das Innenministerium in Magdeburg etwa konnte auf Anfrage keine Übersicht über Defibrillatoren im Land zur Verfügung stellen.

Der gemeinnützige Verein Definetz versucht hier Abhilfe zu schaffen. Mit etwa 26.000 registrierten Geräten verfügt er über die nach eigenen Angaben umfangreichste Datenbank in Deutschland.

Die Daten recherchieren die Mitarbeiter größtenteils selbst, sagt der Vorsitzende Friedrich Nölle. Die Zahl nicht erfasster Defibrillatoren sei daher immer noch sehr hoch.

Grundsätzlich gebe es aber den starken Trend zu mehr öffentlichen Schockgeräten in Deutschland. Es lohne sich, die Augen im eigenen Lebensumfeld offen zu halten, empfiehlt Nölle.

Einen schnellen Überblick über Defis in der Nähe ermöglicht zum Beispiel die Notfall-App des DRK. Die greift auf eine eigens erstellte Datenbank zurück. Hier wird auf einer Karte der nächste erfasste Defi abhängig vom eigenen Standort angezeigt. (ajo/dpa)

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