Gesellschaft

Frauen, die die Welt der Medizin eroberten

Sie haben unendlich viel Energie investiert und beharrlich ihr Ziel verfolgt - Frauen, die in der rauen, von Männern geprägten Welt der Medizin ihren Weg gegangen sind.

Christoph FuhrVon Christoph Fuhr Veröffentlicht:

NEU-ISENBURG. Schottland im Jahr 1865: Das Dienstmädchen Sophia Bishop hat eine Aufgabe zu erledigen, die alles andere als angenehm ist. Sophia soll den Leichnam des renommierten Armeearztes Dr. James Barry für die Beerdigung waschen.

Dann macht sie eine Entdeckung, die ihr schier die Sprache verschlägt: Barry, ein begnadeter, für seine Wutausbrüche bekannter Chirurg, ist in Wirklichkeit eine Frau. Über 50 Jahre hatte sich der vermeintliche Arzt als Mann ausgegeben und eine steile Karriere in der Feldchirugie gemacht. Ein raues, oft undankbares Geschäft, in dem Barry die höchste nur denkbare Stufe erreicht hatte - sie war "Inspector General of H.M. Army Hospitals".

Annette Kerkhoff: Heilende Frauen. Elisabeth Sandmann-Verlag, München, 160 Seiten, 100 Abbildungen, 24,95 Euro. ISBN 978 - 3 -938045-47-3

Barry (1795-1865) war klein gewachsen und hatte eine hohe Stimme - ansonsten, erinnerten sich hinterher Zeitzeugen, hatte es nie irgendwelche Zweifel an ihrer Identität als Mann gegeben.

James Barry gehört zu den 48 mutigen Pionierinnen, die in der Zeit vom 14. bis ins 20. Jahrhundert hinein in der Heilkunde, der Krankenpflege und der modernen Medizin Spuren hinterlassen haben. Ärztinnen, Hebammen, Apothekerinnen und Heilerinnen - die Fachjournalistin Annette Kerckhoff stellt sie in einem neu erschienenen Buch vor. Der Titel: "Heilende Frauen". Es handelt sich um Menschen, so die Autorin, "die sich durch Beharrlichkeit, Kreativität, Durchhaltevermögen und Eigeninitiative auszeichnen".

Hope Bridges Adams Lehmann (1855-1916) zum Beispiel ist in dem Buch ein eigenes Kapitel gewidmet. Sie wurde in England geboren, kam mit ihrer Mutter nach dem Tod des Vaters nach Deutschland. Adams Lehmann hatte einen Collegeabschluss und schrieb sich als Gasthörerin für Medizin in Dresden ein. Zwei Jahre später hatte die ehrgeizige junge Frau alle fürs Staatsexamen erforderlichen Scheine, wurde aber für die Prüfung nicht zugelassen.

Inoffiziell machte Adams Lehmann im Jahr 1880 dann doch alle Prüfungen. Sie bekam einen schriftlichen Nachweis, aber keine Anerkennung.

Sie ging nach Bern, promovierte dort, qualifizierte sich in Großbritannien weiter und kehrte nach Deutschland zurück - 1903 waren in Bayern Frauen fürs Medizin-Staatsexamen zugelassen worden.

Ließ sich von Männern nicht entmutigen: die Ärztin Hope Bridges Adams Lehmann in ihrer Praxis.

© aus dem Band "Heilende Frauen", Elisabeth Sandmann Verlag, München, 2010

1904 erhielt Adams Lehmann als erste Frau in Deutschland die Anerkennung zum Staatsexamen, sie durfte auch den Doktortitel führen. In Frankfurt am Main eröffnete sie mit einem Kommilitonen aus Dresdner Zeiten eine Gemeinschaftspraxis. Sie schrieb Gesundheitsratgeber für Frauen, klammerte dabei das Tabuthema Sexualität nicht aus, machte sich weiter einen Namen.

Annette Kerkhoff stellt in ihrem Buch Frauen vor, die mit Kraft und voller Lebensmut einen Weg gehen, von dem sie absolut überzeugt sind. Und das in einer von Männern dominierten Welt, in der ihnen ein ums andere Mal Knüppel vor die Füße geworfen werden.

Die Berichte, schreibt Dr. Marianne Koch in ihrem Vorwort zu diesem Buch, "sind nicht nur als eine spannende Chronik der Emanzipation" zu verstehen, "sondern fast mehr als eine Hommage an den menschlichen Geist, an die intensive Kraft, die denen zufliegt, die ihr Leben einer großen Idee widmen."

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