Libanon

Gut aussehen in Zeiten der Krise

Der Libanon leidet unter dem Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien. Mehr als eine Million Syrer sind über die Grenze geflüchtet, die Wirtschaft schwächelt. Das Geschäft mit der Schönheit boomt trotzdem.

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BEIRUT. Sicherlich, Dr. Elias Schammas hat schon bessere Zeiten erlebt. Über Geld spricht der Schönheitschirurg nicht so gerne, aber eines gibt der Chef einer Schönheitsklinik in Beirut gerne zu: "Wir machen noch immer Gewinne."

Das Geschäft mit dem guten Aussehen floriere in seiner Heimat, daran habe auch der Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien und die schwächelnde Wirtschaft im Libanon nichts geändert.

Schon vor einigen Jahren hat sich der multi-konfessionelle Staat am Mittelmeer zum Zentrum der Branche im Nahen Osten entwickelt. "In diesem Land möchte niemand alt aussehen", sagt Schammas. "Die Libanesen wollen um jeden Preis schön sein."

Ganz oben auf der Beliebtheitsskala seiner Patienten stehen Operationen an Nase und Brüsten. Die Lippen etwas voller, ein wenig Botox gegen Falten? Auch das lassen viele bei Schammas machen.

Die Soziologin Sarah Mallat hat in ihrer Masterarbeit an der American University Beirut (AUB) untersucht, warum sich junge Libanesinnen dieser Prozedur unterziehen.

"Es war immer schon ein Markenzeichen der libanesischen Gesellschaft, dass die Menschen mit ihrem Aussehen beschäftigt sind", sagt sie.

Nach dem Ende des 15-jährigen Bürgerkriegs 1990 verstärkte sich dieser Trend. Während des Krieges mussten die Libanesen auf viele schöne Dinge im Leben verzichten, auch danach fühlten sie sich den Problemen in ihrem Land hilflos ausgesetzt, sagt Mallat. Deswegen hätten sie sich der einzigen Sache zugewandt, über die sie Kontrolle hatten: ihrem Aussehen.

Heute erkennt die Soziologin, dass der Trend von der älteren zur jüngeren Generation weitergegeben wird. Junge Frauen versprächen sich mehr Erfolg im Job und größere Chancen auf dem Heiratsmarkt, wenn sie sich verschönern ließen, erklärt Mallat.

Sie schätzt, dass sich 60 bis 70 Prozent aller Libanesinnen kosmetischen Verschönerungen oder Operationen unterzogen haben.

Kundinnen werden immer jünger

Dabei hat sie eine besorgniserregende Entwicklung beobachtet: Immer jüngere Mädchen lassen sich operieren.

"Es ist nicht ungewöhnlich, dass eine 16-Jährige eine Nasenoperation zum Geburtstag geschenkt bekommt", sagt Mallat. "Ich habe sogar schon 13- oder 14-Jährige gesehen, die unter dem Messer waren." Vorbilder sind häufig Pop-Sängerinnen und Fernsehmoderatorinnen.

Stars und Sternchen finden auch den Weg in die Schönheitsklinik von Elias Schammas. Überhaupt lebt der Mediziner von der betuchten Klientel des Landes. "Zehn Prozent der libanesischen Gesellschaft sind reich", sagt der Mediziner Ende 60. "Und von diesen zehn Prozent leben wir." Aber auch die Mittelschicht lässt sich bei ihm die Nase verkleinern und Brüste vergrößern, wenn sie es sich leisten kann. Manche nehmen dafür sogar Kredite auf.

Dabei durchläuft der Libanon gerade schwierige Zeiten. Im Nachbarland Syrien, nur rund 120 Kilometer von Beirut entfernt, tobt ein Bürgerkrieg, der immer wieder über die Grenze schwappt.

Rund 1,2 Millionen syrische Flüchtlinge haben im Libanon Zuflucht gefunden, wo die meisten unter ärmlichsten Bedingungen hausen müssen. Auch die Wirtschaft leidet, weil Investitionen ausbleiben und den Libanesen das Geld fehlt. Viele haben ihre Jobs verloren.

Dass Schammas die Krise spürt, liegt aber weniger an seinen Landsleuten. Früher kam die Mehrheit seiner Patienten aus den ölreichen Golfstaaten.

Doch diese betuchten Kunden trauen sich wegen des Bürgerkriegs in Syrien und aus Angst vor Entführungen kaum noch in den Libanon, in dem die mit dem Iran verbündete Schiiten-Miliz Hisbollah die stärkste Kraft ist. "Wir haben heute praktisch null Patienten aus Saudi-Arabien", so der Schönheitschirurg.

Deswegen will er nun verstärkt um Libanesen werben, die im Ausland leben und dort zu Geld gekommen sind. Er ist optimistisch, dass ihm das gelingt.

"Die Libanesen lieben das Leben", sagt Schammas. "Und wenn sie 100 Dollar haben, dann geben sie 110 aus." (dpa)

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