„Sprechende Medizin“ beim Bayerischen Rundfunk

Hausarzt Schelling klärt im Radio über wichtige Gesundheitsthemen auf

Hausarzt Dr. Jörg Schelling ist seit bald sieben Jahren regelmäßig als Experte im Gesundheitsgespräch auf „Bayern 2“ zu hören. Er empfindet sein „BR-Hobby“ als eine Riesenchance, um seriös zu informieren.

Michaela SchneiderVon Michaela Schneider Veröffentlicht:
Dr. Jörg Schelling am Mikrofon.

Mindestens einmal im Monat ist Dr. Jörg Schelling im Radio zu hören.

© Foto: Matthias Balk

München. „Sprechende Medizin – jeden Mittwoch mit einem neuen Thema“: So wirbt der Bayerische Rundfunk (BR) fürs wöchentliche Gesundheitsgespräch auf „Bayern 2“. Einer der medizinischen Experten dort, die den Hörern Rede und Antwort stehen: der Münchner Hausarzt Professor Jörg Schelling.

Mindestens einmal im Monat ist er im BR „on air“. Den Rundfunk bezeichnet er als sein „wichtigstes Hobby“. Mal dreht es sich in den 45 Minuten um Vorsorge, mal um Körperbehaarung, mal um die E-Patientenakte.

Am Themenplan bastelt die Redaktion vierteljährlich gemeinsam mit den Experten. „Wir haben da große Einflussmöglichkeiten und können Dinge platzieren, die uns besonders bewegen. Dieses Vertrauen ist großartig“, sagt der 53-jährige Schelling. Mitte Dezember ging es zum Beispiel zuletzt im Dreiergespräch um Palliativmedizin.

In den Fußstapfen von Marianne Koch

Ein guter Freund habe ihn 2018 angesprochen, dass der BR gern einen Hausarzt in die Sendung holen würde: Er selbst wolle sich nicht exponieren – aber vielleicht ja der Kollege? „Dann kam der Anruf einer Moderatorin – und ich habe einfach mal zugesagt“, erinnert sich Schelling.

Zur Person

  • Professor Jörg Schelling (53), verheiratet, vier Kinder Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin
  • seit 2017 Professor für Allgemeinmedizin an der LMU München
  • seit 2006 in der „Gemeinschaftspraxis Martinsried“, seit 2008 eigener Praxissitz
  • 2014 bis 2016 kommissarischer Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der LMU München
  • 1992 bis 2006 Medizinstudium und Weiterbildung Innere und Allgemeinmedizin an der LMU und am Medicenter Germering
  • u.a. Vizepräsident Deutschen Fachgesellschaft für Reisemedizin; Anteilseigner der Münchner Akademie für Ärztliche Fortbildung; Beauftragter für Forschung und Lehre Bayerischer Hausärztinnen- und Hausärzteverband
  • Mitglied im Experten-Panel der Impfhotline der Ärzte Zeitung

Das Gesicht des Gesundheitsgesprächs war zu diesem Zeitpunkt noch die legendäre Medizinerin, Schauspielerin, Moderatorin und Buchautorin Marianne Koch, die mit sage und schreibe 94 Jahren im September 2025 ihre letzte Sendung moderierte. Den Umzug des Senders ins neue Studio in Freimann wollte sie nicht mehr mitgehen.

Zurück zu den Wurzeln

Dass Schelling seinerzeit mit seiner Zusage nicht lange zögerte, lag wohl auch daran, dass es „ein ‚Back to the Roots‘ war, wo ich vor ein paar Jahren aufgehört hatte“. Bereits nach dem Studium hatte der Allgemeinmediziner mehrere Monate in der Gesundheitsredaktion des Bayerischen Rundfunks hospitiert und anschließend als freier Journalist in der Redaktion von Antje-Katrin Kühnemann an Produktionen für den „ARD-Ratgeber Gesundheit“ mitgearbeitet.

Er wusste also, dass er Spaß am Aufbereiten von Inhalten und an fundierter Informationsvermittlung hat. Schelling: „Es gibt da wohl so einen kleinen journalistischen Teil in meinem Kopf.“

Fünf Kommunikationstipps für den Praxisalltag

Die Arbeit als Radio-Gesundheitsexperte wirke auch in die Kommunikation mit seinen Patienten in der hausärztlichen Praxis hinein, sagt Dr. Jörg Schelling. Seine Ratschläge:

  • Zwingen Sie sich zum Zuhören. Geben Sie den Menschen im Gespräch den Raum, den Sie brauchen und grätschen Sie nicht gleich hinein, unterbrechen Sie nicht.
  • Es braucht eine zuhörende Empathie. Das bedeutet, mit den eigenen Gedanken im Augenblick präsent zu sein und nicht noch an den letzten oder nächsten Patienten zu denken.
  • Nehmen Sie den Patienten nicht nur akustisch, sondern mit allen Sinnen war. Was sagen etwa seine Augen und seine Körperhaltung aus?
  • Vermeiden Sie Fachbegriffe, auch wenn Sie noch so selbstverständlich erscheinen. Man verliert seinen Zuhörer, ohne dies vielleicht zu bemerken, wenn ein Begriff im Augenblick des Aussprechens nicht direkt verarbeitet werden kann.
  • Bleiben Sie authentisch. Auch ein Arzt kann sich nicht zu 100 Prozent in jedes Krankheitsbild hineinversetzen. Fragen Sie sich: Was würde ich selbst tun? Wozu würde ich meiner Frau, meinen Kindern oder meinen Eltern raten? Was würde ich in der Situation von meinem Gegenüber erwarten?

Er habe schon damals den BR als hochprofessionell erlebt und verweist auf eine solide journalistische Ausbildung, fundierte Recherchen und eine klare Zielsetzung in der Informationsvermittlung.

Dossiers für weitere Informationen

Gab er für manches andere Medium Interviews, erlebte er indes nicht selten, wie es vorrangig – von Zugriffszahlen getrieben – darum ging, schnellstmöglich Dramatisches zu verbreiten. Beim BR indes erlebt er: „In den Gesundheitsgesprächen sitzt man neben einem Moderator, der so gut im Thema drin ist, dass man das Gefühl hat, immer aufgefangen zu werden, sollte ein Gespräch in eine falsche Richtung laufen oder man selbst zu schwimmen beginnen. Das ist unglaublich wertvoll.“

Zu jeder Sendung wird überdies ein Dossier zum Herunterladen erstellt mit den wichtigsten Basisinformationen, „die wir dadurch in der Sendung nicht noch zusätzlich als Content rüberbringen müssen“.

Wohl auch durch seine Lehrtätigkeit als Professor an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität weiß der 53-Jährige, wie man komplexe Themen transparent vermittelt. Als langjähriger Hausarzt kennt er gleichzeitig die praktischen Sorgen und Nöte von Patienten.

Nach der Sendung ist meistens nicht Schluss

Gegründet wurde die „Gemeinschaftspraxis Martinsried“ von Schellings Vater Ulf im Jahr 1979. 2006 kam der älteste Sohn Jörg ins Team und ließ sich zwei Jahre später mit eigenem Praxissitz nieder. 2012 übernahm der zweite Sohn Jens den Praxissitz des Vaters. Neben dem Brüderduo arbeiten in der Gemeinschaftspraxis aktuell vier Fachärztinnen und ein Arzt in Weiterbildung.

Und wie laufen die Gesundheitsgespräche im Radio konkret ab? Spätestens um halb neun sitzt Schelling im Auto, um eine halbe Stunde vor Sendungsbeginn im Studio zu sein. Noch rasch ein Kaffee mit dem Moderator oder der Moderatorin, um zentrale Fragen zu besprechen, die die Redaktion vorab per E-Mail erreicht haben.

Dann geht es nach den Nachrichten schon los – oft mit einem Teaser, ehe bis kurz vor halb elf Fragen abgearbeitet werden. Das Interesse sei oft riesig – und nicht selten spricht Schelling deshalb nach der Sendung übers Headset mit weiteren Anrufern, die es nicht in die Liveschalte schafften.

Eine Gratwanderung seien für ihn Live-Gespräche, wenn er den Eindruck habe, dass bei der Behandlung Dinge schiefgelaufen sind. Diese zu benennen, wenn er gutachterliche juristische Stellungnahmen schreibt, sei das eine. Doch bewege man sich in einer Live-Ausstrahlung eben nicht im geschlossenen Raum: „Dann muss ich durchlavieren, weil ich nach einem zweiminütigen Gespräch keine fundierte Einschätzung abgeben kann und niemanden verurteilen will.“

Für manche Anrufer die letzte Hoffnung

Am schwierigsten sei es für ihn, wenn Menschen mit extrem langer Krankheitsgeschichte anriefen, eine Odyssee zu hoch spezialisierten Kollegen und etliche erfolglose Therapien hinter sich hätten und nun hoffen, dass der Hausarzt am anderen Ende der Leitung eine letzte spontane Idee zur hochkomplexen Fragestellung habe.

„Dann bin ich einem verzweifelten Menschen gegenüber selbst hilflos und muss diese Hilflosigkeit annehmen“, sagt Schelling. Er könne nur anbieten, noch einmal zu recherchieren und später eine E-Mail zu schreiben.

Lesen sie auch

Und trotz aller Herausforderungen empfindet er sein „BR-Hobby“ als eine Riesenchance, wichtige Informationen in einer seriösen Einbettung weiterzugeben. „Ein bisschen ein Helfersyndrom“ spiele sicher mit hinein.

„In der Praxis erreiche ich Menschen im Einzelgespräch und kann direkt helfen. In der Sendung denke ich mir: Mensch, da besteht ja wirklich ein riesiger Informationsbedarf und der einzelne Anrufer steht vielleicht stellvertretend für zehn, 20 oder 50 andere, die ich nun ebenfalls erreiche.“

Tätigkeit bringt Gespür für Patientenbedürfnisse

An Grenzen gerate er, wenn sich der Anrufer aus der Oberpfalz nach der Sendung auf den Weg in die Praxis nach Martinsried machen wolle: „Das ehrt, aber ist nicht Sinn der Sache. Ich will nicht mehr Patienten generieren, sondern den Menschen seriös bei großen Unsicherheiten helfen.“

Die Gesundheitsgespräche wirken auch in die hausärztliche Tätigkeit in Martinsried hinein: „In der Sendung habe ich mehr Zeit für Erklärungen als in der Sprechstunde. Und ich begreife, dass Patienten sich vielleicht in der Sprechstunde aus Zeitgründen erst gar nicht trauen, alle Fragen zu stellen. Das Bewusstsein für Patientenfragen strahlt sicherlich in meine Sprechstunde zurück.“

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Heimkehrer

Dr. Petrakis’ Weg von Kreta an die Saar – und wieder zurück

Das könnte Sie auch interessieren
Glasglobus und Stethoskop, eingebettet in grünes Laub, als Symbol für Umweltgesundheit und ökologisch-medizinisches Bewusstsein

© AspctStyle / Generiert mit KI / stock.adobe.com

Klimawandel und Gesundheitswesen

Klimaschutz und Gesundheit: Herausforderungen und Lösungen

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein MRT verbraucht viel Energie, auch die Datenspeicherung ist energieintensiv.

© Marijan Murat / dpa / picture alliance

Klimawandel und Gesundheitswesen

Forderungen nach Verhaltensänderungen und Verhältnisprävention

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

© Frankfurter Forum für gesellschafts- und gesundheitspolitische Grundsatzfragen e. V.

Das Frankfurter Forum stellt sich vor

Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Rückgang der generalisierten tonisch-klonischen Anfälle unter Cannabidiol + Clobazam

© Springer Medizin Verlag , modifiziert nach [1]

Real-World-Daten aus Deutschland zum Lennox-Gastaut- und Dravet-Syndrom

Cannabidiol in der klinischen Praxis: vergleichbare Wirksamkeit bei Kindern und Erwachsenen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Jazz Pharmaceuticals Germany GmbH, München
Abb. 1: Daten zur lipidologischen Versorgung von Patientinnen und Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko aus der VESALIUS-REAL-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [7]

Kardiovaskuläre Prävention

Frühe Risikoidentifikation und konsequentes Lipidmanagement

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Amgen GmbH, München
Abb. 1: FIB-4 1,3: numerische 26%ige Risikoreduktion der 3-Punkt-MACE durch Semaglutid 2,4mg

© Springer Medizin Verlag GmbH, modifiziert nach [17]

Kardiovaskuläre, renale und hepatische Komorbiditäten

Therapie der Adipositas – mehr als Gewichtsabnahme

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novo Nordisk Pharma GmbH, Mainz
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Vergleich der Kreise

Wo sich besonders wenige Senioren gegen Pneumokokken impfen lassen

„Sprechende Medizin“ beim Bayerischen Rundfunk

Hausarzt Schelling klärt im Radio über wichtige Gesundheitsthemen auf

Cochrane Review zu Ginkgo biloba

Ginkgo biloba: Kein Nutzen bei MCI, geringe Effekte auf Demenz

Lesetipps
Menschen im Park machen Qigong-Übungen

© zinkevych / Stock.adobe.com

Nutzen durch randomisierte Studie belegt

Qigong-Übungen senken erhöhten Blutdruck

Tablette, auf der GLP-1 steht

© THIBNH / Generated with AI / Stock.adobe.com

Neuer GLP-1-Rezeptoragonist

Orforglipron: Bekommt Semaglutid jetzt Konkurrenz?