CharityAward 2016: 1. Preis

Hilfe für Migrantinnen in Not

Von Pete Smith Veröffentlicht: 23.02.2017, 05:00 Uhr

In Deutschland leben Zehntausende Frauen und Mädchen, die von Genitalverstümmelung, Zwangsprostitution und Zwangsheirat betroffen sind. Die weitaus meisten von ihnen sind Migrantinnen oder aus ihren Herkunftsländern geflüchtete Frauen. Hilfe finden Betroffene bei der Arbeitsgemeinschaft gegen internationale sexuelle und rassistische Ausbeutung e. V. (agisra), einer 1993 in Köln gegründeten Initiative, die für ihr gesellschaftliches Engagement mit dem 1. Preis des von Springer Medizin vergebenen CharityAwards 2016 geehrt worden ist.

Nach Schätzungen der WHO sind weltweit bis zu 140 Millionen Frauen und Mädchen an den Genitalien beschnitten. Mit den großen Fluchtbewegungen sind auch viele von Genitalbeschneidung (Female Genital Cutting, FGC) bedrohte oder betroffene Frauen und Mädchen nach Deutschland gekommen. Einer aktuellen Studie des Bundesfamilienministeriums zufolge gibt es bundesweit schätzungsweise 47.000 Frauen, deren Genitalien verstümmelt wurden. Die Opfer stammten unter anderem aus Ägypten, Eritrea, Somalia, Äthiopien, Mali und dem Irak. Der Studie zufolge stieg ihre Zahl durch die Zuwanderung aus den genannten Staaten seit Ende 2014 um knapp 30 Prozent.

Anonyme Beratung

Bei der ersten Beratung, so die Erfahrung der Kölner Arbeitsgemeinschaft, sprechen die Opfer selten über ihre Beschneidung, sondern fast ausschließlich über die durch sie entstandenen medizinischen Probleme. Agisra bietet ihnen eine ebenso kostenlose wie anonyme Beratung und bei Bedarf auch eine psychosoziale Betreuung an. Überdies klärt der Verein auf öffentlichen Veranstaltungen Frauen darüber auf, welche Risiken die Genitalverstümmelung birgt und wo sie Hilfe erhalten. Ergänzt wird das Angebot durch ein kostenloses Kursprogramm, das Konversationsrunden, Gymnastik und Yoga umfasst.

Das Team von agisra besteht aus zehn hauptamtlichen, (sozial)pädagogisch ausgebildeten Beraterinnen, von denen die meisten selbst Migrantinnen sind oder Fluchterfahrung haben. Die Mitarbeiterinnen beherrschen insgesamt zwölf Sprachen, bei Bedarf hilft eine Dolmetscherin. Wichtigstes Ziel ist es, Frauen gleich welcher Herkunft, Kultur, Ethnie oder Religion, unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus, über ihre Rechte aufzuklären und jede Form von Gewalt, Rassismus, Sexismus oder anderweitigen Diskriminierungen zu unterbinden.

"Die größte Herausforderung ist die Hilflosigkeit und Ohnmacht der Frauen", sagte Shewa Sium, eine der Mitarbeiterinnen von agisra, bei der Preisverleihung in Berlin. Die meisten wüssten schlechterdings nicht, wie sie dem Elend und der sexuellen Unterdrückung entfliehen können. Sie haben Angst vor ihren Unterdrückern, schämen sich vor dem Tabubruch, sind uninformiert und sprechen oft weder Deutsch noch Englisch.

Viele Frauen snd traumatisiert

Hilfe suchen vor allem Frauen und Mädchen, die unter Genitalverstümmelung, Zwangsprostitution, Zwangshochzeiten, Zwangsjungfräulichkeit, Zwangsverschleierung und häuslicher Gewalt leiden. Viele seien traumatisiert, weshalb Mitarbeiterinnen von agisra sie im Bedarfsfall an Psychotherapeuten weitervermitteln und sie dorthin begleiten.

Die Arbeitsgemeinschaft gegen internationale sexuelle und rassistische Ausbeutung setzt sich darüber hinaus auch politisch für die rechtliche sowie soziale Gleichstellung von Migrantinnen in unserer Gesellschaft ein. "Unsere Utopie ist eine Welt, in der Frieden, Wohlstand, Bildung und Gesundheitsversorgung, das heißt Menschenrechte, für alle möglich sind", lautet das selbst formulierte Ziel.

Eines der jüngsten von agisra angestoßenen Projekte richtet sich an neuzugewanderte Bürgerinnen aus Staaten der Europäischen Union. "Bonvena" (Esperanto für "Willkommen") soll dabei helfen, die soziale Eingliederung der EU-Neubürgerinnen zu verbessern. Die Initiative bietet den Frauen (psychosoziale) Unterstützung etwa bei häuslicher Gewalt, sexueller Ausbeutung, Diskriminierung und bei Gesundheitsfragen.

agisra e. V.

Informations- und Beratungsstelle für Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen

- 1. Preis CharityAward 2016

- agisra e. V., Informations- und Beratungsstelle für Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen, Martinstraße 20a, 50667 Köln, Telefon: 0221-124019 (1390392), E-Mail: info@agisra.org,

Weitere Informationen:

www.agisra.org

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