Rechtsmedizinerin findet Fallada-Manuskripte

Kurioser Fund: „War sofort sicher, dass dies etwas Besonderes war“

Eine Gutachtenmappe ihres Alt-Vorgängers Hans Fallada in Kiel erfreute Professor Johanna Preuß-Wössner besonders: Sie enthielten handgeschriebene Papiere des berühmten Schriftstellers.

Von Dirk SchnackDirk Schnack Veröffentlicht:
Rechtsmedizinerin Professor Johanna Preuß-Wössner kennt und schätzt Falladas Werke seit Kindertagen.

Rechtsmedizinerin Professor Johanna Preuß-Wössner kennt und schätzt Falladas Werke seit Kindertagen.

© Dirk Schnack

Kiel. Er hat den „Eisernen Gustav“, „Kleiner Mann, was nun?“ und „Jeder stirbt für sich allein“ verfasst und Kindern mit den „Geschichten aus der Murkelei“ märchenhafte (Vor)-Leseerlebnisse beschert: Hans Fallada ist einer der meist gelesenen deutschen Schriftsteller. Auch die Kieler Rechtsmedizinerin Professor Johanna Preuß-Wössner kennt und schätzt Falladas Werke seit Kindertagen. Inzwischen ist sie mehr als nur Leserin – ihre Entdeckung bislang unbekannter Fallada-Manuskripte hat zur Veröffentlichung eines neuen Erzählbandes mit dem Namen „Lilly und ihr Sklave“ geführt, für den sie als Mit-Herausgeberin aufgeführt ist.

Eine Kieler Rechtsmedizinerin und ein weltbekannter Schriftsteller – wo ist die Verbindung? Es ist einer der Vorgänger der heutigen Direktorin der Kieler Rechtsmedizin: Gerichtsmediziner Professor Ernst Gustav Ziemke hatte vor mehr als hundert Jahren die gleiche Position wie Preuß-Wössner heute inne und interessiert die gebürtige Greifswalderin schon seit vielen Jahren. Damit sie aber auf unbekannte Geschichten Falladas stoßen konnte, brauchte es Beharrungsvermögen, akribische Forschung, hohes Interesse an medizinhistorischen Themen und eine Portion Glück.

Fallada in Untersuchungshaft

Fallada-Kenner wissen um seine Alkohol- und Morphiumsucht und um seine wiederholten Inhaftierungen. Mitte der 1920er Jahre saß Rudolf Ditzen, wie Fallada mit bürgerlichem Namen hieß, wegen Veruntreuung ihm anvertrauter Mittel – Fallada hatte damals als Rendant gearbeitet – in Kiel in Untersuchungshaft. Gutachter war Ziemke.

Dies war Preuß-Wössner bekannt. Seit längerer Zeit war sie auf der Suche nach Ziemkes verschollenem Gutachten, in dem es um Falladas Strafmündigkeit ging. Weil ihr bekannt war, dass Ziemke alles Berufliche akribisch festhielt und aufbewahrte, gab es gute Chancen, dass diese Akte irgendwo lagerte. Fündig wurde Preuß-Wössner im Schleswiger Landesarchiv. Dorthin waren die Akten des Institutes vor Jahrzehnten wegen Platzmangels ausgelagert worden, konnten aber wegen der Menge noch nicht geordnet und katalogisiert werden.

Im Lesesaal des Landesarchivs erlebte Preuß-Wössner dann eine Überraschung, wie sie Forschern wohl nur einmal im Berufsleben vergönnt ist: In der Gutachtenmappe fand sie handgeschriebene Manuskripte Falladas. „Ich kannte die Handschrift Falladas aus Briefen und war sofort sicher, dass dies etwas Besonderes war“, berichtet Preuß-Wössner.

Sie lag richtig – es war etwas Besonderes. Fallada-Biograf Peter Walther wertete die entdeckten Erzählungen als „Zeugnisse eines literarischen Übergangs“. Sie sind nicht im Stil des frühen Fallada-Romans „Der junge Goedeschal“ geschrieben, haben aber auch noch nicht den Tonfall wie später in „Bauern, Bonzen und Bomben“, wie Walther in dem vom Aufbau-Verlag veröffentlichten Buch erläutert. Preuß-Wössners Interesse gilt mehr ihrem Vorgänger Ziemke, den sie als „ausgesprochen genau, nahezu pedantischen Wissenschaftler und Gutachter“ beschreibt. Ziemke legte eine umfangreiche Bibliothek mit allen damals aktuellen Lehrbüchern seines Faches und darüber hinaus eine umfangreiche anatomische Sammlung an.

Kontakte zu Nachfahren

Diese Akribie erklärt für Preuß-Wössner auch, warum Ziemke für eine „eigentlich banale Begutachtung wegen Unterschlagung eine so umfangreiche Akte zu dem Fall Fallada anlegte“, wie sie in einem Nachwort in „Lilly und ihr Sklave“ erläutert.

Für die Rechtsmedizinerin war der 2014 in Kiel angetretene Posten schon vor dem Manuskript-Fund ein Glücksfall: Sie arbeitet nicht nur in der Position, die Ziemke vor fast hundert Jahren selbst innehatte, sondern hat auch Kontakt zu dessen Nachfahren und konnte persönliche Dokumente und Aufzeichnungen sichern. „Für mich schließt sich hier ein Kreis“, sagt sie. Für Fallada-Leser ebenfalls: Sein umfangreiches Werk ist um frühe Erzählungen erweitert.

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