Neurologie

Lernen ist auch im Tiefschlaf möglich

Schweizer Forscher haben nachgewiesen, dass man tatsächlich im Tiefschlaf lernen kann. Eine Alternative zum Büffeln ist es aber nicht.

Veröffentlicht:
Büffeln im Schlaf? Das geht leider nur begrenzt, auch wenn das Gehirn offenbar im Schlaf assoziativ Dinge lernen kann.

Büffeln im Schlaf? Das geht leider nur begrenzt, auch wenn das Gehirn offenbar im Schlaf assoziativ Dinge lernen kann.

© Paolese / stock.adobe.com

BERN. Der Mensch kann selbst im Tiefschlaf lernen. Schweizer Forscher haben demonstriert, dass Menschen komplexe Informationen wie Worte und Bedeutungen im Schlaf unbewusst aufnehmen und im Wachzustand wieder abrufen können (Curr Biol 2019, DOI: 10.1016/j.cub.2018.12.038).

Der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, Professor Peter Young, spricht von einer bahnbrechenden Studie. „Dies ist eine neue Dimension des Verständnisses von Schlaf.“ Die Forscher hätten demonstriert, dass das Gehirn im Schlaf ohne Bewusstsein assoziativ Dinge lernen könne.

Worum geht es? Psychologieprofessorin Katharina Henke und ihre Kollegen Dr. Marc Züst und Dr. Simon Ruch von der Universität Bern haben 41 Schlafende über Kopfhörer mehrfach mit Fantasiewörtern beschallt, denen sie jeweils unterschiedliche Bedeutungen zuordneten.

Eine Versuchsperson hörte etwa „Guga – Vogel“, eine andere „Guga – Elefant“. Nach dem Aufwachen wurden sie befragt: Ist Guga ein großer oder kleiner Gegenstand, passt es in eine Schuhschachtel oder nicht?

Gedächtnisbildung auch im unbewussten Zustand möglich

Die Teilnehmer identifizierten nach dem Aufwachen 60 Prozent der Fantasiewörter korrekt als etwas Großes oder Kleines – so, wie sie es im Schlaf gehört hatten. Wichtig war es, die „Up-state“ genannte Schlafphase zu treffen. Dabei handelt es sich um Phasen, in denen alle Gehirnzellen gemeinsam aktiv sind.

Sie dauern nur eine halbe Sekunde und wechseln sich ab mit passiven Phasen („Down-State“) ohne Aktivität. In welcher Phase sich das Gehirn gerade befindet, lässt sich mit einem EEG-Gerät bestimmen, das die elektrische Aktivität des Gehirns misst.

Gedächtnisbildung sei also sowohl im bewussten als auch unbewussten Zustand möglich, sagte Mitautor Züst. „Wir wollten zeigen, dass man auch in unbewusstem Zustand lernen kann.“

Daraus lasse sich aber nicht die Empfehlung ableiten, sich generell nachts mit Informationen berieseln zu lassen in der Hoffnung, dass etwas hängen bleibe. Schließlich wisse man noch nicht, ob das nicht auch ungewollte Folgen haben könne.

Verfestigung des zuvor Gelernten

Henke sieht aber eine mögliche Anwendung bei Menschen mit Lernschwierigkeiten. So könnten die Erkenntnisse womöglich zu einem zweistufigen Lernverfahren führen: Einmal die unbewusste Aufnahme im Schlaf durch Beschallung mit bestimmten Lerninhalten, verstärkt durch das Lernen der gleichen Inhalte im wachen Zustand. Schlafforscher Young sieht mögliche Anwendungsgebiete auch in der Rehabilitation nach Krankheit oder Unfällen.

„Die Studie zeigt noch einmal die Wichtigkeit von Schlaf für Lernvorgänge“, sagte Young. Bekannt war, dass Schlaf zur Lernkonsolidierung beitrage, also zur Verfestigung des zuvor Gelernten.

„Wer abends Flöte spielt, kann das Stück oft morgens besser, weil der Lerneffekt bei gutem Schlaf konsolidiert wird“, sagte er. Dass auch ohne Bewusstsein im Tiefschlaf Assoziationen stattfinden, sei neu. (dpa)

Mehr zum Thema

GKV-Fachfrau aus SPD

Bärbel Bas soll Bundestagspräsidentin werden

25 Millionen Euro Schaden

Anklage gegen Corona-Testcenter-Betreiber

Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden / registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Mussten Ärzte seinerzeit auch neu dazulernen: Röntgen.

© Channel Partners / Zoonar / picture alliance

Ärzte und die digitale Medizin

Digitalisierung: „Wir müssen uns offener zeigen als Ärzteschaft“

Kopfschmerzen: Rund zehn Prozent der Patienten mit SARS-CoV-2-Infektion entwickeln nach Abklingen der akuten Symptome einen Dauer-Kopfschmerz.

© ijeab / stock.adobe.com

Schmerzmediziner berichten

Dauer-Kopfschmerz nach COVID-19 nicht selten