Loveparade-Opfer: Die Gefühlswelt wird noch lange gestört sein

Inzwischen sind 21 Menschen als Folge der Massenpanik auf der Loveparade gestorben - die meisten an Brustquetschungen. Die Rettungskette am Unglückstag lief gut, ist aus den Kliniken zu hören. Doch bei der Nachsorge der Opfer ist noch einiges zu tun.

Von Anja Krüger Veröffentlicht:
Trauer am Unglücksort: Die Stadt Duisburg sieht es nicht als ihre Aufgabe, junge Menschen hier zu betreuen.

Trauer am Unglücksort: Die Stadt Duisburg sieht es nicht als ihre Aufgabe, junge Menschen hier zu betreuen.

© dpa

KÖLN. Für viele junge Leute ist seit dem vergangenen Samstag nichts mehr, wie es war. Panik, Todesangst und schreckliche Bilder von schwerverletzten oder toten Menschen, mit denen sie gerade noch ausgelassen gefeiert hatten, graben sich tief in die Seele hunderter Teilnehmer der Duisburger Loveparade. Viele dieser Patienten werden in den kommenden Wochen in Hausarztpraxen vorstellig, erwartet der Bielefelder Psychotherapeut Werner W. Wilk.

An der Unglücksstelle in der Duisburger Karl-Lehr-Straße legen Passanten immer wieder Blumen nieder oder zünden Kerzen an. Viele Gäste der Loveparade kehren an den Unglücksort zurück. Allerdings zieht er auch immer mehr Schaulustige an. Die Stadt stellt niemanden ab, der sich um die meist jungen Leute kümmert. Als Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) die Unglücksstelle besuchte, wurde er mit Eiern beworfen. "Wir halten uns da lieber raus", sagt eine Sprecherin der Stadt. Im Rathaus liegt ein Kondolenzbuch aus - mehr bietet die Stadt Trauernden und Traumatisierten nicht an.

Diese Haltung steht im krassen Kontrast zu den gut verlaufenden Rettungseinsätzen vom Wochenende. An nichts bei dem Technospektakel lassen Betroffene und Beobachter ein gutes Haar, nur die medizinische Versorgung der Verletzten steht nicht in der Kritik. Hilfsorganisationen und die 60 im Viereck zwischen Kleve, Düsseldorf, Krefeld und Essen bereit stehenden Kliniken haben sehr gut kooperiert. Doch für viele Gäste der Loveparade kam jede Hilfe zu spät. In der Nacht zum Mittwoch starb eine weitere junge Frau. Die Zahl der Todesopfer erhöhte sich damit auf 21, die Todesursache steht noch nicht fest. Die übrigen 20 Opfer starben an Brustquetschungen, die durch die Enge verursacht wurden.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Duisburg wurden im Laufe der gesamten Loveparade, also nicht nur durch die Massenpanik auf dem Zugangsweg zum Veranstaltungsgelände, 511 Personen verletzt. Davon wurden 283 in Kliniken behandelt, 240 konnten das Krankenhaus bis Montag wieder verlassen. Bis Mitte der Woche waren noch 25 Patienten in stationärer Behandlung. "Die Rettungskette hat gut funktioniert", sagt Annette Debusmann von den Duisburger Malteserkliniken St. Johannes-Stift und St. Anna. Die beiden Krankenhäuser betreuten 100 Teilnehmer der Loveparade, davon die Hälfte stationär. Aktuell sind noch sieben Patienten in den Kliniken, keiner schwebt in Lebensgefahr. Die Mediziner behandelten vor allem Gesichts- und Unterschenkelfrakturen, Rippenbrüche, Bauchtraumata und Nierenquetschungen.

Die Malteser Krankenhäuser hatten sich wie die übrigen Kliniken auf den Einsatz akribisch vorbereitet und mehr als 50 Mediziner und Helfer zusätzlich eingesetzt. Als die Medien am Samstagnachmittag über das Unglück berichteten, eilten dienstfreie Ärzte an ihren Arbeitsplatz, um ihre Kollegen bis in die frühen Morgenstunden zu unterstützen.

"Unsere chirurgische Abteilung war komplett vertreten", berichtet Debusmann. Patienten und Angehörige erhielten seelsorgerischen Beistand von Geistlichen. "Unsere Seelsorger haben teilweise eine psychotherapeutische Ausbildung", sagt Debusmann. Ärzte, Pfleger und andere Beschäftigte werden gezielt angesprochen, ob sie das Angebot annehmen möchten.

Psychotherapeut Wilk hofft, dass die Verletzten von den Einsatzkräften auf die Möglichkeit einer psychotherapeutischen Hilfe aufmerksam gemacht wurden. Ob das geschehen ist, ist ungewiss. Wilk rechnet damit, dass einige hundert Paradeteilnehmer traumatisiert wurden. "Eine Todesbedrohung schlägt auf die Psyche durch", sagt er. Nicht jeder werde eine posttraumatische Belastungsstörung ausbilden. Es sei wichtig, Spätfolgen vorzubeugen. Symptome für eine Störung seien zum Beispiel anhaltende Ängstlichkeit, Schreckhaftigkeit, Schlaflosigkeit oder Unruhezustände.

Ohne Behandlung drohe den Patienten eine Traumafolgeerkrankung, möglicherweise eine Depression oder Angststörung. "Die Betroffenen werden sich in vielen Fällen zuerst an ihren Hausarzt wenden", erwartet er. Der Hausarzt könne als erster Ansprechpartner für eine Stabilisierung sorgen, etwa medikamentös. Darüber hinaus sei es sinnvoll, dass die Mediziner auf psychotherapeutische Angebote hinweisen. Dabei gehe es nicht unbedingt darum, sofort eine Behandlung aufzunehmen. "Wichtig ist zu beobachten, wie sich der Betroffene entwickelt", sagt er.

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