Im Gespräch

Ersticken in der Menschenmasse

Veröffentlicht:
Professor Hans Anton Adams.

Professor Hans Anton Adams.

© MHH

Bei einer Massenpanik wie in Duisburg sterben Menschen meist infolge einer Thoraxkompression. Um dies zu vermeiden, hilft im Notfall nur, einen kühlen Kopf bewahren, den Kopf oben behalten, und im Strom seitwärts schwimmen. Das rät jedenfalls Professor Hans Anton Adams von der Stabstelle Interdisziplinäre Notfall- und Katastrophenmedizin der MHH in Hannover. Denn wer bei einer Großveranstaltung in der Masse eingekeilt ist und kollabiert, hat schlechte Karten: Sanitäter, wie sie auch in Duisburg bereit standen, können wenig ausrichten, weil sie selbst nicht zu den Verletzten durchdringen. Erst wenn die Polizei einen Zugang frei räumt hat, kann Hilfe eintreffen - in Duisburg war dies für viele zu spät.

Damit es nicht so weit kommt, sollte man zumindest nicht gegen den Strom schwimmen aber versuchen, an der Oberfläche zu bleiben, so Adams zur "Ärzte Zeitung". "Man schwimmt in einer Menschenmasse wie in einem zähen Pudding." Er selbst hat eine ähnliche Situation schon als Notarzt erlebt. "Man kann dann zwar nicht gegen den Strom, aber im Strom nach Steuerbord oder Backbord schwimmen, und versuchen in eine sichere Zone zu kommen." Das war in Duisburg aber sehr schwer, gibt der Intensivmediziner zu, weil Böschung und Tunnel eine Flucht zur Seite verhinderten.

Gibt es kein Entkommen, steigt der Druck der Masse mitunter so, dass manche darin ersticken: Der Thorax wird komprimiert, die Menschen können buchstäblich nicht mehr atmen, und das passiert bereits im Stehen. Wer jedoch bewusstlos wird und auf den Boden fällt, den erdrückt die Masse erst recht. Hinzu kommen multiple Verletzungen, wenn andere Menschen über die Opfer hinwegtrampeln.

Damit in einer Masse Panik entsteht, braucht es keine besonderen Auslöser, es reicht, wenn Einzelne das Gefühl haben, es wird zu eng, sie kommen nicht mehr weg und anfangen, zu schreien. Eigentlich müssten Leute mit klarem Kopf solche Panikpersonen isolieren und beruhigen, eine "Insel der Besonnenheit bilden", doch das ist in der Masse schwierig, so Adams. Auch Alkohol und Drogen sorgen nicht gerade für den nötigen klaren Verstand, sie begünstigen daher eher eine Panik. (mut)

Alle Berichte zur Tragödie in Duisburg: Mi., 18:39 - Loveparade-Veranstalter hat Vorschriften nicht umgesetzt Mi., 13:50 - Loveparade-Opfer: Die Gefühlswelt wird noch lange gestört sein Mi., 10:48 - Loveparade: Weiteres Opfer gestorben, Ministerium legt Bericht vor Di., 19:14 - Loveparade: Mauer des Schweigens wird rissig Di., 18:12 - Wer beschuldigt wen? Akteure der Loveparade in Duisburg Di., 16:04 - Wie viele Menschen waren wirklich auf der Loveparade? Di., 14:49 - Psychotherapeuten richten Hotline ein Di., 08:52 - Loveparade: 20 Tote, heftige Kritik an Polizei, Sicherheits-TÜV gefordert Mo., 19:09 - Kölner Polizei übernimmt Ermittlungen zu Loveparade-Tragödie Mo., 18:11 - Polizei: 1,4 Millionen Besucher unmöglich Mo., 17:02 - Zahlen aus Duisburg: 511 Verletzte bei Loveparade, 15 Festnahmen Mo., 15:15 - Nach dem Einsatz in Duisburg: "Ich empfand die Situation als surreal" Mo., 15:10 - Im Gespräch: Ersticken in der Menschenmasse Mo., 13:40 - Staatsanwaltschaft: Niemand mehr in Lebensgefahr Mo., 12:06 - Duisburg plant Trauerfeier für Todesopfer Mo., 11:23 - Loveparade-Tragödie: "Profilierungssucht und amateurhafte Organisation" Mo., 09:54 - Überprüfung aller Großveranstaltungen gefordert So., 14:30 - Loveparade endet im Tunnel des Todes

Mehr zum Thema

Corona-Studien-Splitter

Dritte Impfung mit Comirnaty® frischt Schutz zuverlässig auf

RKI-Bericht

Auffälliger Trend bei Legionärskrankheit

Positives CHMP-Votum

Amivantamab bald Option bei Lungenkrebs?

Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden / registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Impetigo bei einem fünf Jahre alten Kind.

© FotoHelin / stock.adobe.com

practica 2021

Bei Impetigo contagiosa ist Abstrich meist überflüssig

Impfausweis mit Comirnaty-Eintrag: Welcher ist immunogener – der Corona-Impfstoff von BioNTech oder der von Moderna?

© Bikej Barakus / stock.adobe.com

Corona-Studien-Splitter

Dritte Impfung mit Comirnaty® frischt Schutz zuverlässig auf

Gut ausgebildete Medizinische Fachangestellte werden immer häufiger aus den Praxen abgeworben, beklagt Virchowbund-Vorsitzender Dr. Dirk Heinrich. In der Corona-Pandemie habe sich gezeigt, wie systemrelevant MFA sind.

© Virchowbund

MFA häufig abgeworben

Virchowbund-Chef: „Ein Arzt alleine ist noch keine Praxis!“