Hintergrund

Nach dem Unglück in Ungarn ist die Lauge das Problem

Die Schlammlawine aus einem Aluwerk in Ungarn war vor allem sehr ätzend. Noch ist unklar, wie viel Schwermetalle damit in die Umwelt gelangten.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Ein Bewohner entsorgt in Devecser, Ungarn, Einrichtungsgegenstände seines Hauses, die mit dem Giftschlamm getränkt sind.

Ein Bewohner entsorgt in Devecser, Ungarn, Einrichtungsgegenstände seines Hauses, die mit dem Giftschlamm getränkt sind.

© dpa

Während ein Teil des Bauxitschlamms aus dem geborstenen Reservoir eines Aluminiumwerkes in Ungarn bereits einen Nebenfluss der Donau erreicht hat, kommen die Aufräumarbeiten um den Ort Kolontar voran. Dort waren am Montag vier Menschen gestorben und 120 verletzt worden, als eine Schlammlawine aus einem Speicherbecken ohne Vorwarnung den Ort überschwemmte.

Zwar müssen sich die Aufräumhelfer gut vor dem hoch alkalischen roten Schlamm schützen - bei einem pH-Wert von etwa 12 kann er Hautreizungen und Verätzungen verursachen. Eine akute Gesundheitsgefahr besteht für Menschen außerhalb der Unglückszone derzeit wohl nicht. So wurde die rote Lauge, die in den Fluss Marcal gelangte, durch Zusatz von Gips und anderen Stoffen weitgehend neutralisiert. In Städten, die ihr Trinkwasser aus der Donau beziehen, wird dennoch der pH-Wert des Gewässers kontinuierlich überwacht, heißt es in Berichten aus Ungarn und Rumänien.

Bauxitschlamm enthält vor allem Eisen

Bauxit ist das wichtigste Aluminiumerz. Es besteht aus unterschiedlichen, Aluminiumhydroxid-haltigen Mineralien. Als Vorstufe zur Aluminiumgewinnung wird Bauxit zunächst mit 150 bis 200 Grad heißer Natronlauge in Druckbehältern behandelt. Das Aluminium geht dabei in Form von Aluminat-Ionen in Lösung und kann vom ungelösten Rückstand, dem so genannten Rotschlamm oder Bauxitschlamm abfiltriert werden.

Aus der Lösung lässt sich Aluminiumhydroxid ausfällen, daraus wird per Schmelzfluss-Elektrolyse metallisches Aluminium gewonnen.

Das Abfallprodukt Rotschlamm, das jetzt mehrere Orte in Ungarn überschwemmt hat, bekommt seine Farbe durch große Mengen von Eisenoxid. Zudem ist der Schlamm durch die Natronlauge hoch alkalisch und enthält auch Spuren von Schwermetallen wie Blei. (mut)

Problematisch für Mensch und Umwelt sind wohl eher die Langzeitfolgen in der Umgebung des Unglücks. So haben insgesamt etwa eine Million Kubikmeter des ätzenden Schlamms insgesamt 40 Quadratkilometer überspült und dabei praktisch jegliche Vegetation vernichtet. Nach Angaben von Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace und WWF könnte es Jahre dauern, bis sich der Boden in den überfluteten Regionen wieder erholt hat und genutzt werden kann.

Noch unklar sind auch die Auswirkungen auf die Trinkwasserversorgung in der Region. Zum einen kann die Lauge ins Grundwasser gelangen und den pH-Wert erhöhen, zum anderen enthält sie Schwermetalle wie Blei, Zink und Kupfer - in welcher Konzentration, wird jetzt ermittelt.

Ob diese Schwermetalle jedoch ins Grundwasser gelangen, ist eine andere Frage, da sie in dem alkalischen Schlamm weitgehend in unlöslicher Form vorliegen. Dies könnte sich jedoch ändern, wenn der Schlamm nicht rasch genug entfernt wird und der Regen die Lauge auswäscht. Sinkt dann der pH langsam wieder auf normale oder gar sauere Werte, muss mit einer vermehrten Freisetzung toxischer Schwermetalle gerechnet werden.

Letztlich wird derzeit aber niemand genau sagen können, welche Auswirkungen das Unglück hat.

Lesen Sie dazu auch: Schwere Folgen nach Chemieunfall in Ungarn für Menschen und Umwelt befürchtet

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