Fußball

"Profispieler sind keine Maschinen"

Er kümmert sich um das seelische Gleichgewicht der Nationalspieler: Der Sportpsychologe Dr. Hans-Dieter Hermann gehört seit Ende 2004 zum DFB-Betreuerteam.

Von Pete Smith Veröffentlicht:
Immer mittendrin: Hans-Dieter Hermann (2.v.l.), zusammen mit Joachim Löw, Hans-Dieter Flick und Oliver Bierhoff (v.l.).

Immer mittendrin: Hans-Dieter Hermann (2.v.l.), zusammen mit Joachim Löw, Hans-Dieter Flick und Oliver Bierhoff (v.l.).

© ActionPictures / Imago

Der Tod von Nationaltorhüter Robert Enke im vergangenen Jahr hat der Öffentlichkeit auf dramatische Weise vor Augen geführt, unter welch hohem Leistungsdruck Berufsfußballer stehen. Ein Sportpsychologe war in der Folge für viele Kicker Anlaufstelle Nummer eins: Dr. Hans-Dieter Hermann, der die deutsche Nationalmannschaft seit 2004 begleitet.

Zwei Monate vor Enkes Tod hatte Hermann mit dem Torwart in der Sportschule Barsinghausen ein Gespräch. "Robert klagte zu dieser Zeit über Erschöpfungssymptome", so Hermann, "für die zunächst kein medizinischer Grund gefunden werden konnte." Der Psychologe zog damals zwar auch eine Depression in Betracht, fand in einem einstündigen Gespräch mit Enke jedoch keinerlei Hinweis auf diese Erkrankung. "Im Gegenteil, Robert beschrieb sich außerhalb dieser Müdigkeit als privat und sportlich glücklichen Menschen mit klaren Zukunftsideen".

Die Wochen und Monate nach Robert Enkes Tod am 10. November 2009 waren für viele Nationalkicker eine schwere Zeit. Hermann stand ihnen als Ansprechpartner zur Verfügung. Das war eine Ausnahmesituation. In erster Linie sieht Hermann seine Aufgabe in der Optimierung von Leistung. "Es geht darum, dass der Kopf auch mitspielt, um ein vorhandenes Leistungspotenzial individuell und auch als Mannschaft abzurufen", so Hermann. "Körperlich, technisch und taktisch gut vorbereitete Spieler können nur dann Leistungen erbringen, wenn die persönliche Steuerzentrale alles gut koordiniert."

Motivieren müsse er die Spieler selten, eher am "Teambuilding" arbeiten, "durch das sich die Mannschaft außerhalb des Platzes als Gemeinschaft mit gegenseitigem Vertrauen entwickeln soll". Natürlich gehören auch "eher klassische psychologische Themen wie Unsicherheiten und Sorgen" zum Aufgabenbereich.

Hermann, 1960 in Ludwigsburg geboren, hat Psychologie studiert. Nach seinem Diplom 1988 wechselt er an die Universität Heidelberg und knüpft am dortigen Olympiastützpunkt erste Kontakte zu Leistungssportlern. In der Folge arbeitet der begeisterte Skifahrer mit Olympioniken aus mehr als 20 Sportarten zusammen. Bald spricht sich sein Erfolg auch im Ausland herum. Der österreichische Skiverband engagiert ihn ebenso wie die Schweizer Judoka. Im Anschluss an seine Promotion hält Hermann an der Uni Heidelberg Lehrveranstaltungen ab und eröffnet eine Praxis für Sportpsychologie in Schwetzingen. Seine erfolgreiche Arbeit beim Fußballverein TSG Hoffenheim lässt Jürgen Klinsmann aufhorchen, der ihn Ende 2004 zum DFB holt. Seither begleitet der 49-Jährige die Nationalspieler.

Hermann sieht seine Arbeit durchaus kritisch, vor allem ihre Ausrichtung auf die Leistungssteigerung seiner Schützlinge. "Das Immer-funktionieren-müssen ist für jeden eine Qual, der sich gerade gar nicht danach fühlt", sagt der zweifache Familienvater. "Egal ob er krank ist, sein Kind krank ist, er einen Verlust verarbeiten muss oder sich die prinzipielle Frage stellt, ob seine berufliche Tätigkeit für ihn überhaupt noch sinnvoll ist." Wichtig sei, den Menschen hinter dem Sportler im Blick zu haben. "Ich bemühe mich sehr, nicht einfach psychologisch an der Leistungsschraube zu drehen, sondern unter Berücksichtigung der aktuellen Situation und Befindlichkeit des Sportlers und der anstehenden Aufgabe einen Weg zu finden, der jeweils gangbar ist. Das kann auch bedeuten, eine Auszeit zu empfehlen."

Spitzensportler stehen ständig unter Druck, den kann ihnen auch ein Sportpsychologe nicht nehmen. "Leistungssport ist Vergleichssport", bringt es Hermann auf den Punkt. "Man will besser oder stärker sein als der andere, das ist dem ambitionierten Sport immanent." Allerdings, so ist der Psychologe überzeugt, könne die Öffentlichkeit einem Spieler helfen, indem sie ihm Vertrauen schenke, auch wenn er seine Leistung einmal nicht bringt. "Menschen sind keine Maschinen und auch Profispieler sind Leistungsschwankungen unterworfen, für die man oft keine Gründe findet", sagt er.

(eb)

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