Gesellschaft

Renommierter Arzt, unterschätzter Maler

Seine Freunde waren Johann Wolfgang von Goethe und Caspar David Friedrich: Dem Leben des Arztes Carl Gustav Carus ist eine Schau in Dresden und Berlin gewürdigt.

Von Katlen Trautmann Veröffentlicht:

DRESDEN. Seine Patienten waren die Mitglieder des sächsischen Königshauses und arme Wöchnerinnen. Mit Alexander von Humboldt und Johann Wolfgang von Goethe unterhielt er einen regen Briefwechsel. Er selbst war Mediziner und leidenschaftlicher Philosoph: Das Werk des Arztes Carl Gustav Carus prägte die Medizin seiner Zeit und wird jetzt in Dresden und Berlin gezeigt.

Carus erkannte schon früh, dass eine Erkrankung auch mit dem Lebensumfeld eines Patienten zu tun hat. Er weitete seinen Blick - weg von den rein körperlichen Symptomen hin zum vertrauenvollen Gespräch und Arzt-Patienten-Verhältnis. Zu seiner Therapie gehörte auch die Analyse der Lebensumstände des Kranken. Für Carus, der sich als Frauenarzt, Psychologe, Maler und Naturphilosoph verstand, war die Fähigkeit der Anteilnahme die Voraussetzung für das Studium der Heilkunst. Diese verstand er im Wortsinn: als eine Kunst, die Heilen kann.

Doch sein Weg zum Arzt und Freund vieler berühmter Zeitgenossen war dem Sohn einfacher Handwerker aus Leipzig keineswegs vorgezeichnet. Geboren 1789 in Leipzig, studierte der hochbegabte Carus in seiner Geburtsstadt Physik, Botanik, Chemie und Medizin und besaß im Alter von 22 Jahren bereits Doktortitel. Zunächst arbeitete er als Armenarzt und Professor für Geburtshilfe in Leipzig, später in Dresden.

In 13 Jahren bildete er 420 Hebammen und mehr als 200 Ärzte als Geburtshelfer aus. Sein guter Ruf als Arzt eilte ihm voraus: Nach zwei Jahrzehnten im Hospital wurde er zum Leibarzt der sächsischen Königsfamilie ernannt.

Carus behandelte viele ihm persönlich nahe stehende Menschen, die an psychischen Krankheiten litten. Doch nicht immer tat dies der Freundschaft gut: An den seelischen Verstimmungen von Caspar David Friedrich zerbrach die Freundschaft der beiden Männer.

"Eichen am Meer" - Carus suchte auch Anerkennung als Maler.

"Eichen am Meer" - Carus suchte auch Anerkennung als Maler.

© Fotos: Estel/ Klut

Auch Carus' Zeichenlehrer Julius Dietz litt an Depressionen. Bei Hofe war der Arzt vor allem bei der Betreuung von Augusts II. gefordert, der wegen psychosomatischen Beschwerden behandelt wurde.

Doch trotz seines Aufstiegs als Hofarzt vergaß er seine Anfangsjahre nicht. Er kritisierte die "Zweiklassenmedizin" mit "halbgebildeten Ärzten für ärmere Landsleute" und "vollkommen durchgebildeten Ärzten für Reiche und Wohlhabende". Nach seiner Ansicht sollte der Staat dafür sorgen, dass die erworbenen Kenntnisse aus dem Medizinstudium allen Gesellschaftsklassen zu gute kommen.

Doch Carus war mehr als "nur" ein Arzt seiner Zeit. Die Dresdner Ausstellung "Natur und Idee" zeigt ihn auch als Schöpfer der Philosophie des Unterbewussten. Von seinem Buch "Psyche" von 1846 ließ sich beispielsweise Sigmund Freud anregen.

So viel Ruhm Carus sich als Arzt und Psychologe erarbeitete, um so mehr kämpfte er um Anerkennung als Maler und Dichter. Die Ausstellung zeigt Zeichnungen, Stiche und Ölgemälde - doch Carus trat aus dem Schatten seines künstlerischen Vorbildes Caspar David Friedrich nie heraus. Bis heute werden seine Bilder mit denen Friedrichs verwechselt.

Mit seinem Freund Goethe unterhielt er einen ausgedehnten Briefwechsel, in dem der Dichterfürst den Mediziner zu seiner künstlerischen Arbeit ermunterte. Beide Männer trafen sich persönlich allerdings nur einmal für zwei Stunden. Auch zu Ludwig Tieck und Alexander von Humboldt unterhielt Carus meist schriftliche Kontakte. Carus bewunderte Humboldt, vermisste aber bei ihm eine "gesunde Andacht der Seele". Humboldt wiederum spottete über Carus' Einteilung der Völker in "Tag-, Nacht- und Dämmerungsmenschen".

Ein Auszug aus der Schädel- und Abgusssammlung des umtriebigen Arztes zeigt die Ausstellung ebenso. Mit dabei sind ein Abbild der Hand Clara Schumanns und die Totenmaske Friedrich Schillers. Persönliche medizinische Gegenstände von Carus fehlen in der Ausstellung -  sie konnten für die Nachwelt nicht gerettet werden. Carus starb 1869.

Die Ausstellung ist bis 19. September in der Gemäldegalerie Alte Meister im Zwinger und im Schloss in Dresden zu

sehen. Im Anschluss wird die Schau vom 9. Oktober 2009 bis 10. Januar 2010 in der Alten Nationalgalerie Berlin gezeigt. www.skd-dresden.de

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