Diabetes-Spürhunde

Riecher für die Unterzuckerung

Hündin Sammy hat eine Spürnase - für Frauchen Anni. Sie warnt die neunjährige Diabetikerin bei Unterzuckerung und holt Hilfe, wenn es nötig ist.

Von Sabine Schiner Veröffentlicht: 17.07.2013, 05:02 Uhr
Riecher für die Unterzuckerung

Michael Plotzki hat Hündin Sammy auf den speziellen Geruch von Diabetikerin Anni trainiert.

© Schiner

LAUTERBACH. Anni Völker ist neuneinhalb Jahre alt und Diabetikerin. Sie muss regelmäßig ihren Blutzuckerspiegel messen. Sammy ist stets an ihrer Seite. Der Diabetes-Spürhund schlägt Alarm, wenn das Mädchen unterzuckert.

Die Völkers haben die Hündin aus dem Tierheim geholt, als sie sieben Monate alt war. Zwei Wochen später erkrankte Tochter Anni an Typ-1-Diabetes. Die chronische Krankheit brachte das Familienleben durcheinander.

"Es ist schwierig bei Kindern die Blutzuckerwerte stabil zu halten", erzählt Mutter Mary. Vor allem nachts gebe es immer wieder kritische Situationen. "Manchmal müssen wir den Wecker alle zwei Stunden stellen und messen, das geht an die Substanz."

Im Internet erfuhr die Familie, dass es Diabetes-Warnhunde gibt. Vor anderthalb Jahren stieß sie auf Hundetrainer Michael Plotzki, der gerade an der Bergstraße den gemeinnützigen Verein "VistaDogs - Assistenzhunde" gegründet hatte.

Der Hundetrainer erklärte sich bereit, die vier Jahre alte Sammy zu testen.

Ausbildung des Diabetes-Warnhundes kostet rund 9000 Euro

Plotzki arbeitet seit 39 Jahren mit Hunden. Er war viele Jahre Gutachter, Übungs- und Ausbildungsleiter für den Deutschen Hundesportverband und bildete Polizeihunde aus. 2003 erkrankte er schwer, war zeitweise gelähmt. "Ich brauchte zwei Jahre, bis ich wieder auf den Beinen war."

Danach änderte er sein Leben. "Statt einen Hund als Sprengstoff- oder Drogenhund auszubilden, ist es mir nun wichtiger, wenn er einem Kind eine Unterzuckerung anzeigt oder einem behinderten Menschen im Alltag zur Seite steht."

Der Verein bildet Behindertenbegleithunde, Therapiehunde, Signal- und Führhunde aus. Die Ausbildung eines Diabetes-Warnhundes kostet im Schnitt 8000 bis 10.000 Euro.

Nicht jeder Hund hat eine Super-Spürnase. Labrador-Hündin Sammy hatte Talent und Plotzki trainierte sie in vier bis sechs Wochen auf Annis speziellen Geruch.

"Das ist wie ein Code, Sammy erschnüffelt die Unterzuckerung in Annis Schweiß", erklärt der Coach. Doch Sammy kann mehr. Die Hündin ist darauf trainiert, Hilfe zu holen.

"Wenn bei Anni der Blutzuckerspiegel sinkt, zieht Sammy als erstes Anzeichen ihre Lefzen hoch", sagt Mary Völker. Wenn Anni nicht reagiert,etwa, weil sie in ein Spiel vertieft ist, stupst Sammy sie an, bringt das Messgerät an ihr Bett und knurrt leise.

Hündin gibt Sicherheit

Reagiert Anni dennoch nicht, bellt die Hündin. Geschieht immer noch nichts, etwa weil das Kind tief und fest schläft, drückt sie mit ihrer Schnauze auf den Warnknopf im Schlafzimmer. Dann ertönt ein lauter Gong, der die Eltern alarmiert.

"Sammy gibt uns mehr Sicherheit", sagt Mary Völker. Anni hat dank Sammy auch mehr Freiheiten. Sie darf nachts allein in ihrem Zimmer schlafen oder mit Freundinnen draußen spielen. Sammy passt auf und ist immer an ihrer Seite.

Anni ist stolz auf ihre Hündin. "Sammy tut ihr gut", sagt ihre Mutter. Jedes Tier wird von Michael Plotzki individuell nach Bedarf ausgebildet.

Es gibt beispielsweise auch Hunde, die eine Zuckerlimo ans Bett bringen oder im Notfall die Nachbarn alarmieren.

Plotzki bildet gerade wieder mehrere Welpen aus, die er so früh wie möglich auf Diabetes-Kinder prägen möchte.

Nur Blindenführhunde als Hilfsmittel anerkannt

Pro Jahr verlassen etwa 18 Hunde als Diabetes-Spürhunde seine Hundeschule. "Der Bedarf ist noch viel größer", sagt Plotzki.

Er möchte an der Bergstraße ein Ausbildungszentrum gründen und dort auch spezielle Führhunde für autistische Kinder ausbilden. Dazu sucht er noch nach einem geeigneten Grundstück.

Seine Vision ist ein bundesweites Netz von Trainern, die Assistenzhunde ausbilden. "Wenn noch die Krankenkassen die Kosten übernehmen würden, wäre das ein weiterer wichtiger Schritt."

Derzeit sind nach Paragraf 33 SGB V nur Blindenführhunde als Hilfsmittel anerkannt.

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