Kriminalität

Rollendes LKA-Labor misst, wo man nichts sieht

Drohbriefe mit Giften wie Rizin, Sprengstoffe, radioaktive Strahlung: Im Ernstfall wollen Polizeibeamte möglichst schnell wissen, womit sie es zu tun haben. Das schafft das LKA Niedersachsen mit einem mobilen Labor. Aber manchmal ist das weiße Pulver etwas völlig anderes.

Von Thomas Strünkelnberg Veröffentlicht: 01.10.2020, 11:03 Uhr
Petra Elsner, chemisch technische Assistentin beim Landeskriminalamt Niedersachsen, zeigt die Auswertung von biologischen Gefahrstoffen mit einem PCR-Gerät in einem mobilen Labor des LKA.

Petra Elsner, chemisch technische Assistentin beim Landeskriminalamt Niedersachsen, zeigt die Auswertung von biologischen Gefahrstoffen mit einem PCR-Gerät in einem mobilen Labor des LKA.

© Julian Stratenschulte/dpa

Hannover. Oft ist weißes Pulver, das aus Drohbriefen rieselt, genau das, wonach es aussieht: weißes Pulver, harmlos, aber beängstigend. Aber manchmal ist das Pulver hochgiftig, wie im Fall des an US-Präsident Donald Trump adressierten und abgefangenen Briefes mit dem Gift Rizin. Drohbriefe, aus denen etwas rieselt – da brauchen Ermittler schnelle Ergebnisse.

Doch im Normalfall wird der Tatort abgesichert und eine Probe des Pulvers an ein Labor geschickt – und dann heißt es: warten. Giftige Stoffe auf dem Weg durch Deutschland? „Ein Schutzmann, der mit einem Beutel durch die Gegend laufen muss, ist mir sehr suspekt“, urteilt Christian Vidal.

Vidal ist Dezernatsleiter Chemie beim Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen. Und er weiß: In Niedersachsen läuft die Arbeit in solchen Fällen etwas anders ab. Beispiel Drohbriefe: Die Experten des LKA werden alarmiert, sie fahren mit einem mobilen Labor zum Einsatzort und können in den meisten Fällen ausschließen, es mit einem gefährlichen Stoff zu tun zu haben – wissenschaftliche Messtechnik, handlich, klein und an Bord eines speziell ausgerüsteten Kleintransporters hilft dabei.

„Damit sind wir bundesweit einzigartig“, betont Vidal. „Auch europaweit ist mir keine Polizei bekannt, die das auf diesem Ausstattungsniveau hätte.“

600.000 auf Rädern

. Seit Mai 2017 sind die LKA-Experten mit ihrem rund 600.000 Euro teuren Labor auf Rädern unterwegs – 450.000 Euro davon entfallen allein auf die Messtechnik. Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius steht voll hinter der Investition: Es gehe um Fachberatung im Fall chemischer, biologischer, radiologischer und nuklearer Gefahren oder die Sofortanalyse etwa von Betäubungsmitteln direkt an Tatorten, sagt der SPD-Politiker. „Dieses Investment hat sich ausgezahlt. In ganz Deutschland gibt es bis heute keine vergleichbare mobile Einrichtung.“

Der Vorteil des mobilen Labors: Binnen einer guten Stunde seien die Experten an jedem Punkt in Niedersachsen, auch in Bremen waren sie schon. Mit den gefährlichen Stoffen haben dann nur wenige Menschen zu tun, Ermittler erhalten schnell Entwarnung. Aber es geht nicht nur um Gift, bei Durchsuchungen tauchen auch Explosivstoffe auf. Einige seien so sensibel, dass sie bei Berührung explodieren, erklärt Vidal. Mit der Technik des Labormobils könnten Sprengstoffe berührungsfrei gemessen werden – nur über den Dampfdruck, also freiwerdende Gase. Kleinste Molekülmengen reichen: „Wo man nichts sieht, da messen wir.“

Eigenbau des Sonderfahrzeugbaus der Polizei

Mit Hilfe der sogenannten PCR-Analyse – Polymerase-Ketten-Reaktion als wichtige Labormethode – ließen sich zehn biologische Gefahrenstoffe auf einen Streich ausschließen. Das dauere eine halbe Stunde, während man früher Wochen oder Monate auf ein Ergebnis warten musste.

Auch bei Autobahnkontrollen, bei Durchsuchungen, bei der Beweiserhebung in Strafverfahren oder bei SEK-Einsätzen ist das rollende Labor, ein Eigenbau des Sonderfahrzeugbaus der Polizei, dabei. In zweieinhalb Jahren kamen 50 Einsätze zusammen – eine „schöne Abwechslung zum Laboralltag“, wie die chemisch-technische Assistentin Petra Elsner sagt. Und die Ergebnisse bestehen vor Gericht, sagt Vidal.

Messen können die Experten außerdem Radioaktivität mit einem Dosisleistungsmessgerät, das gerade mal so groß ist wie ein Handy – und chemische Stoffe. Ein Gerät für Röntgenfluoreszenz, das aussieht wie ein Star-Trek-Phaser, kann Schwermetallsalze oder Edelmetalle identifizieren oder falschen Schmuck enttarnen, das sogenannte Autobahngold.

Die Geräte seien robust, einer elektronischen Präzisionswaage habe man aber nach einer Fahrt über Kopfsteinpflaster gut zureden müssen, der Frost im ersten Winter habe ihr dann den Rest gegeben. Der Ersatz: Federwaagen. Bastellösungen will Vidal nicht, alles muss funktionieren: „Hier kann man keine Freaks brauchen, die Kabel ziehen.“

Synthetischen Drogen auf der Spur

Ganz neu ist ein Gerät von der Größe eines Laserdruckers, das auf Knopfdruck Substanzen erkennen kann. Kernspin-Technik wird zur Identifizierung komplexer Molekülstrukturen genutzt, diese werden mit Substanzen wie synthetischen Drogen in Datenbanken auf Übereinstimmung überprüft.

Dazu schloss das LKA Ende 2019 eine Partnerschaft mit der kanadischen Firma Nanalysis: Die Kanadier bringen Messtechnik und Software ein, das LKA Messdaten von synthetischen Drogen, wie Vidal erklärt. Denn: „Die Stoffe gibt es nicht zu kaufen – jedenfalls nicht legal.“ Mobile Kernspin-Analyse in dieser Form gebe es bisher nicht.

Nach Angaben von Nanalysis-Projektleiter Alexander Maier benötigt das Gerät keine flüssigen Kühlmittel wie Helium oder Stickstoff – vom geringen Platzbedarf ganz zu schweigen. Ein Datenbankvergleichstool sei für eine Vielzahl illegaler Drogen entwickelt worden, darunter Designerdrogen. Damit könnten Beamte eine unbekannte Substanz sofort analysieren, das dauere Minuten.

Das LKA Niedersachsen sei mit dem mobilen Labor ein „Pionier“, aber Nanalysis habe auch schon mit der Nationalpolizei in Irland gearbeitet, etwa zur Identifikation sogenannter K.O.-Tropfen in Getränken.

Schnelle Entwarnung

Die Alternative zu den High-Tech-Einsätzen: Tatorte versiegeln, absperren, bewachen – und die Menschen dort müssen warten. Bei einem Einsatz in einem Amtsgericht, wo ein Brief mit weißem Pulver vorlag, mussten die Mitarbeiter der Poststelle im Sozialraum warten, wie Vidal erzählt.

„Die hatten alle Symptome, mussten sich übergeben.“ Aber dann gaben die Experten schnell Entwarnung. Und manchmal ist das gefürchtete weiße Pulver wirklich völlig harmlos: In einem Fall stellte sich das vermeintliche Gift als Abrieb von den Gummiwalzen im Briefverteilzentrum heraus.

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