Sport

Sexualisierte Gewalt in deutschen Sportvereinen weit verbreitet

Kadersportler sind häufig sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Betroffen sind vor allem junge Frauen und nicht heterosexuell orientierte Athleten.

Von Thomas Meißner Veröffentlicht:
Frauenfußballteam: Kadersportlerinnen sind offenbar besonders häufig sexualisierter Gewalt ausgesetzt.

Frauenfußballteam: Kadersportlerinnen sind offenbar besonders häufig sexualisierter Gewalt ausgesetzt.

© Rawpixel.com / stock.adobe.com

Neu-Isenburg. Jugendliche und junge Erwachsene, die in deutschen Vereinen als Kadersportler trainieren, sind sehr häufig sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Das hat eine repräsentative Studie der Deutschen Sporthochschule Köln sowie der Universitäten Ulm und Wuppertal ergeben.

Von insgesamt 1529 befragten Athleten über 16 Jahre aus 128 verschiedenen Sportarten gaben 37,6 Prozent an, mindestens eine Situation sexualisierter Gewalt im organisierten Sport erlebt zu haben, 11,2 Prozent sogar schwere oder länger andauernde sexualisierte Gewalt.

Sportlerinnen sind häufiger betroffen als Sportler, nicht heterosexuell orientierte Athleten häufiger als heterosexuelle. Täter sind zu über 90 Prozent Männer.

Enge Verflechtungen im Verein

Diese Daten waren bereits vor zwei Jahren publiziert worden (Ger J Exerc Sport Res 2018;48:59-68). Jetzt haben Dr. Jeannine Ohlert von der Uniklinik Ulm und ihre Kollegen Analysen zum Vergleich der Risiken innerhalb und außerhalb des Sports vorgelegt. Denn bislang war nicht klar, ob das Sportsystem selbst ein maßgeblich begünstigender Faktor ist oder ob Kaderathleten eine besonders vulnerable Gruppe darstellen.

Die Antwort: Beides trifft in gewisser Weise zu. „Wir haben in unserem Sportsystem das Phänomen, dass gerade in kleineren Sportvereinen die Verflechtungen sehr ins Private hineingehen“, erklärt Ohlert der „Ärzte Zeitung“. „Der Trainer einer Athletin ist ein Onkel, der Cousin spielt ebenfalls im Verein, der Vater sitzt im Vorstand.“

Auch aus diesem Grund überschneiden sich Formen sexualisierter, emotionaler sowie auch physischer Gewalt im sportlichen wie im privaten Umfeld. Im außersportlichen Leben waren die Raten sexualisierter Gewalt noch deutlich höher: Mehr als jede zweite Athletin und fast jeder dritte Sportler berichtete über sexualisierte Gewalt (Ger J Exerc Sport Res 2020; 50:435-443).

In der Online-Befragung waren den Teilnehmern 17 konkrete Situationen vorgegeben worden, angefangen von sexualisierten Bemerkungen und Witzen, Fotos, Videoclips und Textnachrichten, über physischen Kontakt bis hin zu penetrierendem Sex.

Die im Durchschnitt knapp 22 Jahre alten Befragten konnten angeben, ob und wie oft solche Ereignisse vorgekommen waren. Dementsprechend war die sexualisierte Gewalt als „mild“, „moderat“ und „schwer“ kategorisiert worden.

In allen Sportarten verbreitet

Überwiegend handelte es sich um milde bis moderate Vorfälle. Jedoch berichteten etwa sieben Prozent der Athleten und 15 Prozent der Athletinnen über schwere sexuelle Gewalt im Sportumfeld, im außersportlichen Bereich waren diese Raten mit 10 und 22 Prozent noch einmal deutlich höher.

Die Annahme, dass einzelne Sportarten besonders betroffen seien, zum Beispiel Sportarten, in denen wenig Kleidung getragen wird oder enger Körperkontakt erforderlich ist, bestätigte sich nicht. Vielmehr ist sexualisierte Gewalt in allen Sportarten verbreitet.

Was sexualisierte Gewalt begünstige, seien vor allem enge Verflechtungen im Verein, die Möglichkeit, Macht auszuüben in Kombination mit fehlender Kontrolle, erläutert Ohlert: „Wenn der Trainer Einzeltraining ansetzt, wird nicht hinterfragt, ob das nötig ist.“

Weiterhin seien die Netzwerke im deutschen Sport männerdominiert, sagt die Sportpsychologin. Vergehen einzelner Personen würden dann eher mal „unter den Tisch gekehrt“, um eine für den Verein vermeintlich wichtige Person nicht zu verlieren.

Grenzen oft nicht klar gezogen

Im Leistungssport sind es die Athleten außerdem gewohnt, bis an ihre Grenzen und darüber hinaus zu gehen. Im Training werden unter Umständen unangenehme, schmerzhafte und risikoreiche Aktionen gefordert, teils müssten Ängste überwunden werden. „Wenn man das gewohnt ist, dann sind möglicherweise die Grenzen auch im sexuellen Bereich nicht klar gezogen.“

Bereits nach Veröffentlichung der ersten Zahlen haben die Deutsche Sportjugend, der Deutsche Olympische Sportbund und die PotAS (Potenzialanalysesystem)-Kommission, die für die Bewertung der Sportverbände zuständig ist, einen Maßnahmenkatalog gegen sexualisierte Gewalt beschlossen.

Dazu gehören zum Beispiel das Ausstellen von Führungszeugnissen für Trainer, das Erstellen von Risikoanalysen sowie Präventionsmaßnahmen wie Workshops sowie Kinderschutzbeauftragte. Nur wenn die Umsetzung dieser Maßnahmen nachgewiesen werden kann, fließen entsprechende Fördergelder an den jeweiligen Verein.

„Wichtig ist, eine Kultur des Hinsehens zu entwickeln“, fordert Ohlert. Es gehe um die Stärkung von Autonomie und Selbstbestimmung sowie um die Abschreckung potenzieller Täter.Dringend notwendig sei aber auch die Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt in der Vergangenheit. „Da ist der Sport noch deutlich weniger weit als die katholische Kirche!“

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