Gesellschaft

"Speichelfluß und Gliederzucken, Knochendarre in dem Rucken"

Von Ronald D. Gerste Veröffentlicht: 17.02.2006, 08:00 Uhr

Als der große Dichter Heinrich Heine am 17. Februar 1856 in Paris starb, hatte er eine sich über viele Jahre erstreckende Krankengeschichte hinter sich. Doch welches Leiden ihn auf seine "Matratzengruft", sein Krankenbett niederwarf, ist unter Biographen, Germanisten und Medizinhistorikern umstritten.

"Sterben ist kein Unglück, aber jahrelanges Leiden, ehe man es dahin bringt, zu sterben." Diesen Seufzer der Resignation notierte der im Pariser Exil lebende Heinrich Heine, als ihn seine Krankheit immer mehr zur Immobilität verurteilte. Die letzten acht Jahre seines Lebens konnte er seine Mietwohnungen nicht mehr verlassen.

Wehmütig beobachtete er aus seinem Fenster das Leben auf der Straße. Kurz vor seinem Tod, bis zum Ende geistig frisch, sah er mit Hilfe seines Opernglases einem auf die Straße urinierenden Köter zu und notiert: "Ich beneidete den Hund."

Schon als junger Mensch scheint Heine, der am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf geboren war, von eher schwächlicher Konstitution gewesen zu sein. In seinen Briefen klagt der Mittzwanziger über Migräneattacken und Kopfschmerzen. Dramatischer wird sein klinisches Bild jedoch etwa um 1832, als es zu ersten Lähmungserscheinungen kommt: "Die Hand ist paralysiert, die Lähmung scheint langsam fortzuschreiten."

Auf eine Erkrankung des Zentralnervensystems deuten bald die 1837 erstmals beschriebenen Augenbeschwerden: Pupillen- und Akkommodationslähmung im Sinne einer Ophthalmoplegia interna, Ptosis der Oberlider und ein Nachlassen der Sehkraft, die das Schlimmste befürchten lassen: "Bin dreiviertel blind. Ich kann kaum meine Buchstaben sehen."

Doch das Sehvermögen kehrte nach jeder Krise wieder zurück, was Heine auf die Behandlung durch den von ihm verehrten Dr. Julius Sichel zurückführte. Doch vermutlich half ihm nicht so sehr des Doktors Faible für Aderlässe und Blutegel als vielmehr die Tatsache, daß bei der hier anzunehmenden Neuritis nervi optici oft erstaunliche Erholungen möglich sind.

Doch ab 1846 wird die neurologische Symptomatik schlimmer. 1848 wird die Unheilbarkeit für Heine zur Tatsache. Zum letzten Mal geht er aus, sein Weg führt ihn in den Louvre.

Es folgen acht lange Jahre des Leidens, Lähmungen der Beine, Schluckbeschwerden, Atrophie der Zunge, Trigeminusneuralgien, Blasen- und Darmentleerungsstörungen, schließlich die Lähmung der linken Gesichtshälfte. Nur die Anwesenheit seiner Frau Mathilde scheint ihn gehindert zuhaben, seinem Leiden ein Ende zu setzen, "das süße, dicke Kind... die einzige Ursache, warum ich dieses hundsföttische Leben noch mit Geduld ertragen habe."

Welche Diagnose ist zu stellen? Verschiedene jüngere Biographen sprechen von myatropher Lateral-sklerose. Hinter dieser Verdachtsdiagnose mag auch politische Korrektheit stehen, da sie nicht an der Reputation eines weithin geschätzten Dichters und politischen Denkers rüttelt.

Ein soziales Stigma - dachte man damals wie heute bei seiner Erwähnung doch oft an einen "unmoralischen Lebenswandel" - trägt hingegen jenes Leiden, das Heine selbst bei sich vermutete: Syphilis mit ihren neurodegenerativen Spätfolgen. Nach eigenen Angaben suchte Heine wiederholt den Kontakt zu Prostituierten.

Was immer es war, worunter Heine litt - mit seinem nie erlöschenden Gespür für beißende Ironie wünschte er all seine Symptome seinen (vielen) politischen Gegnern auf den Hals:

"Meine würd’gen tugendfesten Widersacher sollen erben All mein Siechtum und Verderben Meine sämtlichen Gebresten:

Ich vermach Euch die Koliken, Die den Bauch wie Zangen zwicken, Harnbeschwerden, die perfiden, Preußischen Hämorrhoiden.

Meine Krämpfe sollt Ihr haben Speichelfluß und Gliederzucken Knochendarre in dem Rucken Lauter schöne Gottesgaben."

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