INTERVIEW

Thema Organspenden: Es fehlt an Transparenz

Die Ressourcen für Organtransplantationen sind knapp. Bei nur etwa 4000 Menschen, die jährlich in Deutschland sterben, wird ein Hirntod diagnostiziert - die rechtliche Voraussetzung für eine Organentnahme. Hohe Ablehnungsraten und medizinische Einschränkungen mindern zusätzlich die Zahl verpflanzbarer Organe. Über neue Wege in der Transplantationsmedizin sprach mit Dr. Alexandra Manzei von der TU Berlin unsere Mitarbeiterin Nicola Siegmund-Schultze.

Veröffentlicht:

Ärzte Zeitung: Medizinische, gesellschaftliche und ethische Probleme der Organspende fließen im Alltag am Krankenbett zusammen. Welche Defizite gibt es hier noch?

Dr. Alexandra Manzei: Viele Ärzte fühlen sich in der Praxis allein gelassen.

Es wäre wichtig, empirisch-soziologisch genauer zu untersuchen, welche Probleme sich konkret für die Ärzte und das beteiligte Pflegepersonal stellen. Insgesamt ist in der Transplantationsmedizin viel tabuisiert, und sehr viel wird abstrakt geregelt, was einer optimalen Offenheit und Transparenz entgegensteht.

Wir müssen zum Beispiel stärker die Frage thematisieren - auch öffentlich -, ob es eine Beschränkung geben sollte in Bezug auf die Anzahl der Organe, die eine Person erhalten darf. Es ist eine Illusion zu suggerieren, dass es nur medizinische Grenzen gäbe. Es gibt auch soziale Kriterien, die sich in der Berücksichtigung der Wartezeit ausdrücken.

Ärzte Zeitung: Woher könnten neue Anstöße für solche Diskussionen kommen?

Manzei: Etwa vom Deutschen Ethikrat, der sich im April dieses Jahres neu konstituiert hat. Ich glaube, es gibt auch bei Ärzten momentan eine größere Offenheit, über neue Wege in der Transplantationsmedizin nachzudenken. Natürlich ist Organtransplantation heute eine wichtige Therapie.

Aber es ist auch wichtig, nicht nur die moralische Keule zu schwingen und Schuldgefühle zu erzeugen, sondern auch die Qualität und Wirksamkeit der Organtransplantation objektiv stärker unter die Lupe zu nehmen und sich zu fragen: Welche Alternativen gibt es zu menschlichen Organen? Was dürfen wir vom künstlichen Organersatz erwarten, was aus der Stammzellforschung?

Es wäre gut, die Debatte über die Organknappheit nicht so zu polarisieren.

Ärzte Zeitung: Und wie?

Manzei: Die Politik und alle an der Organtransplantation beteiligten Gruppen müssten dafür sorgen, dass nach der Verabschiedung eines Gesetzes nicht eine Phase allgemeiner Sprachlosigkeit einsetzt wie oft bisher.

Nicht ausgeschöpft sind zum Beispiel die Möglichkeiten von Bürgerforen und Formen direkter Bürgerbeteiligung an Fragen der Biomedizin, wie sie in der Schweiz und Österreich praktiziert werden. Auch die interdisziplinäre Forschung zur Biomedizin, die die Europäische Union jetzt verstärkt fördert, bietet neue Chancen.

ZUR PERSON

Dr. Alexandra Manzei ist Soziologin und arbeitet am Institut für Soziologie der Technischen Universität Berlin.

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