Gesellschaft

"Um die Krankheit zu erkennen, muß man den Menschen kennen"

Von Klaus Brath Veröffentlicht: 28.04.2006, 08:00 Uhr

Das Werk eines Arztes, "zur stillen Befriedigung meiner selbst geschrieben", als populär-philosophischer Bestseller? Ein Buch, das das hohe Lied der Heilkraft des Willens singt, allein im 19. Jahrhundert 46mal aufgelegt und in mehrere Sprachen übersetzt? Noch dazu "ein Büchlein, das zu dem Feinsten und Wertvollsten gehört, was die deutsche Literatur besitzt" (Medizinhistoriker Max Neuburger)?

Das Kunststück gelang dem Wiener Arzt, Dichter und Philosophen Freiherr Ernst von Feuchtersleben (1806 bis 1849) mit seiner "Diätetik der Seele" (1838). Am Samstag, am 29. April, jährt sich der Geburtstag des "Pionier(s) der psychosomatischen Medizin" (Medizinhistorikerin Erna Lesky) zum 200. Mal.

Obwohl von seinem Vater für die Beamten- oder Offizierslaufbahn vorgesehen, begann Feuchtersleben nach der Ausbildung an der Theresianischen Akademie, der Wiener Erziehungsanstalt der Adelsjugend, ein Medizinstudium an der Wiener Universität; außerdem belegte er auch Vorlesungen der Philologie und Philosophie. Nach der Promotion in Medizin eröffnete er in seiner Heimatstadt eine ärztliche Allgemeinpraxis.

1845 veröffentlichte Feuchtersleben, inzwischen "Dozent für Seelenkunde" an der Wiener Universität, seine gesammelten Vorlesungen als "Lehrbuch der ärztlichen Seelenkunde", in dem er als erster den Terminus "medizinische Psychologie" gebrauchte und den Begriff der "Psychose" einführte.

Das Buch ist eine Psychologie der seelisch gesunden, aber körperlich kranken Person, die Ärzte individuell zu behandeln hätten: "Um die Krankheit zu heilen", schreibt Feuchtersleben, "muß man sie kennen; um sie zu kennen, muß man den Menschen kennen; denn sie ist in jedem Kranken eine andere."

Mit seinem unverändert aktuellen patientenzentrierten Ansatz und dem Bestreben, die naturwissenschaftliche Medizin durch Philosophie und Psychologie zu ergänzen, erwarb sich Feuchtersleben Ansehen, das sich auch in hohen Ämtern niederschlug: 1848, ein Jahr vor seinem Tod, wurde der zeitweilige Dekan der Medizinischen Fakultät zu Wien als Untersekretär im Wiener Unterrichtsministerium mit der Reform des österreichischen Unterrichtswesens beauftragt.

Außer seinen fach- und populärmedizinischen Werken verfaßte Feuchtersleben, der Franz Grillparzer und Franz Schubert zu seinen Freunden zählte, Gedichte, Erzählungen, dramatische Stücke und Essays.

Bis heute geschätzt werden seine Aphorismen - vielleicht, weil viele darin ausgedrückte Lebensweisheiten den Mitbegründer des psychohygienischen Denkens in der Medizin erkennen lassen. Beispiel: "Das ganze Geheimnis, sein Leben zu verlängern, besteht darin, es nicht zu verkürzen."

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