Kriminalpsychologin

"Wir können den Krisenplänen vertrauen"

Die jüngsten Terroranschläge von Brüssel haben auch Deutschland in Alarmbereitschaft versetzt. Polizei und Ärzte sind für den Ernstfall aber gewappnet, ist sich Diplom-Psychologin Katrin Streich sicher. Im Interview mit der "Ärzte Zeitung" betont sie: Bei der Terror-Abwehr können Ärzte eine wichtige Rolle spielen.

Von Jana Kötter Veröffentlicht:
Einsatzkräfte nach dem Terroranschlag in der U-Bahnstation Station Maelbeek in Brüssel: Nach den Bombenanschlägen in Belgien werden in Deutschland Notfall- und Krisenpläne überprüft.

Einsatzkräfte nach dem Terroranschlag in der U-Bahnstation Station Maelbeek in Brüssel: Nach den Bombenanschlägen in Belgien werden in Deutschland Notfall- und Krisenpläne überprüft.

© Laurie Dieffembacq / Belga / dpa

Ärzte Zeitung: Frau Streich, nach den Terroranschlägen in Belgien fühlen viele Menschen, dass die Gefahr näher an uns heranrückt. Welche Strategien zur Reaktion bestehen für den Ernstfall in Deutschland?

Katrin Streich

'Wir können den Krisenplänen vertrauen'

© IPBM

Die Diplom-Psychologin hat die stellvertretende Leitung des Instituts Psychologie & Bedrohungsmanagement (IPBM) in Darmstadt inne.

Elf Jahre lang war sie Polizeipsychologin im LKA Sachsen.

Zu ihren Spezialgebieten zählt neben der operativen Tätigkeit in Fällen der Schwerstkriminalität wie Geiselnahmen das Bedrohungsmanagement.

Katrin Streich: Entsprechende Notfall- und Krisenpläne bestehen, und das auch für den Fall eines Anschlages im Ausland. So haben sich nach den Anschlägen in Brüssel natürlich auch die Sicherheitsvorkehrungen in Deutschland erhöht, deutsche Behörden sind in Alarmbereitschaft, verdächtige Personen stehen unter besonderer Beobachtung.

Für den Fall eines Anschlages hier in Deutschland zeigen die Krisenpläne den genauen Ablauf und die Zusammenarbeit der involvierten Stellen auf - etwa die Versorgung von Verletzten in Krankenhäusern, natürlich die Fahndung durch Polizeikräfte, aber auch die psychologische Betreuung von Einsatzkräften und Augenzeugen.

Wie gut wären Kliniken und Behörden für einen solchen terroristischen Anschlag gewappnet?

Streich: Natürlich könnte nur ein Ernstfall zeigen, ob alle Abläufe sitzen. Meiner Erfahrung nach ist Deutschland aber gut aufgestellt.

Solche Szenarien werden regelmäßig unter realen Bedingungen geübt, das weiß ich aus meiner eigenen Zeit bei der Polizei. Dort haben wir sehr konkrete Übungsszenarien durchlaufen.

Natürlich würde ein Anschlag - wie es in Belgien zu beobachten war - zunächst für Chaos sorgen. Doch Deutschland und die Behörden sind gut organisiert. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir ein gutes Maß an Vertrauen in die bestehenden Krisenpläne setzen können.

Wie haben Sie als Kriminalpsychologin die Attentate in Brüssel und die Reaktionen darauf wahrgenommen?

Streich: Die Anschläge haben das Sicherheitsempfinden vieler Menschen zutiefst erschüttert - zumal dieses nach den Attentaten von Paris ohnehin verletzt war. Die Bedrohung ist mit diesen zwei Ereignissen in unseren direkten Nachbarländern sehr präsent.

Hinzu kommt, dass die Anschläge am Dienstag verübt wurden, obwohl die Polizeipräsenz in der Stadt bereits erhöht war. Das trifft unser Empfinden von Sicherheit besonders, auch in Deutschland.

Wie kann dieses Sicherheitsempfinden aus Ihrer Sicht wiederhergestellt werden?

Streich: Einen hundertprozentigen Schutz gegen einen Terroranschlag gibt es leider nicht. Die einzige Maßnahme, die wirksam ist, ist das frühzeitige Erkennen der Tatsache, dass sich ein Mensch radikalisiert.

Hier hat Brüssel nicht versagt, wie oft vorgeworfen wird - ein Anschlag wie am Dienstag könnte aktuell in jedem anderen europäischen Land stattfinden.

Es ist aber wichtig, sich zu fragen, was akut getan werden kann, um solche Menschen zu identifizieren, Sicherheitsbehörden effektiv aufzustellen und die Sicherheit so zu erhöhen.

Wo muss solche Terror-Prävention ansetzen?

Streich: Das Verhalten von Menschen, die sich radikalisieren, verändert sich. Das ist oft auch im Rückblick in der Biografie von Attentätern zu erkennen.

Die einzige Möglichkeit ist, in dieser frühen Phase - also noch vor der abgeschlossenen Radikalisierung - einzugreifen. Hier ist das persönliche Umfeld gefragt: die Schule, ein behandelnder Arzt, die engsten Angehörigen und ganz wichtig der Arbeitgeber.

Denn Attentäter sind oft in funktionierende soziale Strukturen eingebunden. Es handelt sich um Bedrohungsmanagement im klassischen Sinne: Die entscheidende Frage ist, wie der Mensch als Bedrohung gestoppt werden kann.

Denn sind die radikalisierten Menschen erst einmal Teil der Gesellschaft, können sie von den Sicherheitsbehörden nur noch zufällig gefunden werden.

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