Die Zehnerjahre

Zwischen Terrorangst und Tinder

Die Jahre 2010 bis 2019 waren ein widersprüchliches Jahrzehnt. Katastrophen, Kriege, die globale Klima-Krise und unvergessliche Fußballmomente bleiben in der kollektiven Erinnerung.

Von Gregor Tholl Veröffentlicht: 13.12.2019, 17:35 Uhr
Zwischen Terrorangst und Tinder

Bilder eines Jahrzehnts: Eine Luftaufnahme des Kernkraftwerks Fukushima 1 nach der Explosion des Reaktorblocks 3 am 14. März 2001.

© Digital Globe / dpa

Berlin. Handys waren nur etwas für Angeber und groß wie ein Ziegelstein, ins Internet kam man nur piepsend und krächzend per Modem – das waren die 90er. In den Nullerjahren brachen die WLAN-Zeiten an, das Smartphone kam auf.

Und nun sind auch schon die Zehnerjahre vorbei, in denen iPhone, iPad, AirPods, Emojis, Selfiestangen, Sprachnachrichten, Instagram, Snapchat, Spotify, Whatsapp und Sprachassistenten wie Alexa einen Siegeszug antraten. Das neue digitale Leben - inklusive verspanntem Handy-Nacken und Haltungsschäden.

Die Zehnerjahre, das war auch das Jahrzehnt eines langen Konjunkturhochs zumindest in Deutschland, andererseits aber auch eine Dekade, die geprägt war von Terrorangst mit Anschlägen etwa in Paris und Nizza und auf den Weihnachtsmarkt in Berlin.

Prägende Erfahrung und viel Stoff für Streit und Hetze in Europa war die sogenannte Flüchtlingskrise, die nicht zuletzt wegen des verheerenden Krieges in Syrien entstand.

Nicht nur ein prägendes Ereignis

Während die sogenannten Nullerjahre mit dem 11. September 2001 und den Terroranschlägen in den USA recht eindeutig zu Beginn einen prägenden Tag hatten, kommen bei den Zehnerjahren mehrere epochemachende Daten infrage.

Da wäre zum Beispiel der 11. März 2011, als in Japan ein gewaltiges Erdbeben einen tödlichen Tsunami auslöste sowie der 4. September 2015, als zunächst hunderte Flüchtlinge mit Erlaubnis der Bundeskanzlerin aus Ungarn nach Deutschland kamen. Außerdem der 23. Juni 2016 als Tag des Brexit-Votums oder der 9. November 2016, als nachts überraschend der Immobilien- und TV-Promi Donald Trump als Sieger der US-Präsidentenwahl feststand.

Im Jahr 2014 war die Euphorie groß, als Deutschland im Endspiel gegen Argentinien Fußballweltmeister wurde – zwei Turniere nach dem „Sommermärchen“ von 2006. Den Gastgeber Brasilien hatte die Elf zuvor mit einem sensationellen 7:1 aus dem Turnier gekickt. 2018 war die Schmach dann umso größer, als Deutschland bei der Fußball-WM in Russland schon in der Vorrunde ausschied.

Zwischen Terrorangst und Tinder

WM-Finale 2014: Bastian Schweinsteiger wird blutend vom Platz begleitet. Am Ende dürfen er und die deutsche Nationalelf den Titel bejubeln.

© GES / Markus Gilliar

„Wetten, dass ...?“ wird eingestellt

Im Fernsehen gilt als Sieger des Jahrzehnts ein alter Bekannter: der Sonntagskrimi „Tatort“, der in ungeahnte Quotenhöhen stieg. Daneben stiegen weltweit im Ansehen US-Serien, die als das neue Erzählmedium schlechthin gelten. Streaming-Dienste wie Netflix wurden wichtiger.

Das sogenannte Binge-Watching (Komagucken vieler Folgen am Stück) breitete sich aus. Liveshows zogen dagegen weniger. Das ZDF stellte 2014 nach 33 Jahren den Samstagabend-Klassiker „Wetten, dass ...?“ ein.

Beim Essen und Trinken wurden die Leute immer wählerischer. Milch, Laktose, Gluten, Fleisch, Zucker, Alkohol – alles bei vielen hoch umstritten. Einerseits wurde viel über vegetarische Ernährung oder komplett tierproduktfreien Veganismus geschrieben und gesprochen, andererseits boomten Burger-Lokale und aufwendige Grillgeräte für den Garten und Balkon.

Kombiniert wurden die beiden widersprüchlichen Trends in veganen Burger-Patties, die 2019 zum Hype wurden. Jahrelang beschäftigte auch das Küchengerät Thermomix die Gemüter, das wahlweise wiegen, kochen, garen oder Teig kneten kann.

Bei Getränken wurde Craft Beer wie zum Beispiel IPA (Indian Pale Ale) zum Trend, auch alkoholfreies Bier und Naturradler löschten den Durst, in Bars wurde gern Gin Tonic bestellt. Bei den Heißgetränken wurde Matcha bei manchem zum Latte-Macchiato-Ersatz.

Und in den eigenen vier Wänden zelebrierten viele den „Hygge“-Trend (Sehnsucht nach Komfort und Geborgenheit). Die Autorin Marie Kondo half beim Aufräumen – in ihren Büchern führt der Weg zum Glück über ein ordentliches Zuhause.

Kreuzfahrtboom versus Flugscham

Wer verreiste, buchte seine Unterkunft womöglich beim Internet-Marktplatz Airbnb und schlief in Privatwohnungen statt Hotels. Beim Urlaub boomten einerseits Dreck machende Kreuzfahrtschiffe und kurze Städtetrips per Flugzeug, andererseits machte angesichts von Klimaaktivismus und Greta Thunberg das Wort von der „Flugscham“ die Runde. Auch Wandern wurde zum Hype.

Gesundheit war ein Megathema. Fast jeder schien plötzlich einen Fitness-Tracker zu tragen, um Puls, Schlaf oder gelaufene Stockwerke zu kontrollieren. Das Rauchen wurde immer uncooler, auf Zigarettenpackungen tauchten ekelige Bilder zur Abschreckung auf, mancher stieg aufs Dampfen oder E-Zigaretten um. Für saubere Luft und gegen zu langsame Maßnahmen gegen den Klimawandel demonstrierten viele bei den „Fridays for future“.

Zwischen Terrorangst und Tinder

Klima-Demonstrationen gehören zum Jahr 2019 dazu.

© We-Ge / Getty Images / iStock

Und wie klangen die Zehnerjahre? „Atemlos“. Der Hit von Helene Fischer war wohl der Ohrwurm der Dekade. Der Schlager boomte, Hip-Hop und Rap aber auch. Lena gewann zum Auftakt des Jahrzehnts den Eurovision Song Contest für Deutschland, danach aber war Deutschland meistens Loser bei der Musikshow.

Einhörner überall

Fast überall war eine Zeit lang das Fabelwesen Einhorn zu sehen – auf Kindergeburtstagen, Popfestivals, Anti-Nazi-Demos, Pullis, Jutebeuteln. Der kindische Modetrend hatte etwas mit Ironie und Realitätsflucht zu tun: Einhörner stehen für Friede und Freude.

Modisch kamen T-Shirts mit Slogan zurück und Knöchel erlebten als neues Dekolleté an hochgekrempelten Hosen ihre Entdeckung. Der neue Menschentypus Hipster war ein Phänomen. Viele Großstadtmänner zeigten sich gern mit einem Bart als besonders unweiblich. Andererseits wurden Geschlechter immer fluider, wie zum Beispiel Conchita Wurst als bärtige Dragqueen zeigte. Gesellschaftspolitisch schaffte es Deutschland, die Ehe für alle einzuführen.

Zur Partnersuche oder einfach nur für Sexdates setzten sich mobile Dating-Apps durch. Bei Tinder sortiert man Flirt-Vorschläge nach Attraktivität. Jemand uninteressant? Foto nach links verschieben! Jemand sexy? Foto nach rechts wischen!

Mal sehen, wie attraktiv die 2020er Jahre werden. (dpa)

Daten und Ereignisse

  • 17. Dezember 2010: Die Selbstverbrennung des tunesischen Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi löst Unruhen und Regimewechsel in arabischen Ländern aus und mündete im „Arabischen Frühling“.
  • Februar/März 2014: Nach innenpolitischen Kontroversen in der Ukraine kommt es zu gewalttätigen Konflikten zwischen Regierungstruppen und prorussischen Separatisten. Im März annektiert Russland die Krim, was eine dauerhafte Abkühlung des Verhältnisses zum Westen nach sich zieht.
  • 23. Juni 2016: 52 Prozent der Briten votieren in einem Referendum für den EU-Austritt.
  • 8. November 2016: Donald Trump wird zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt.
Mehr zum Thema

Nicht nur wegen COVID-19

Amnesty: Beschäftigte im Gesundheitswesen in Gefahr

Schlagworte
Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Newsletter bestellen »

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile.

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt.

Jetzt anmelden / registrieren »

Top-Meldungen
Ansturm auf CV-NCOV-001-Impfstudie in Tübingen

Corona-mRNA-Impfstoff

Ansturm auf CV-NCOV-001-Impfstudie in Tübingen

Vergütung für Corona-Tests wird weiter verhandelt

KBV nimmt Klage zurück

Vergütung für Corona-Tests wird weiter verhandelt

Diese Website verwendet Cookies. Weitere Informationen zu Cookies und und insbesondere dazu, wie Sie deren Verwendung widersprechen können, finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen.  Verstanden