Kommentar

Ärzte - ziemlich allein gelassen

Von Helmut LaschetHelmut Laschet Veröffentlicht:

Politiker, Funktionäre des Gemeinsamen Bundesausschusses und des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) sei der jüngste Gesundheitsmonitor der Bertelsmann-Stiftung zur ernsthaften Lektüre und Beherzigung empfohlen. Denn die Schlussfolgerung daraus müsste eigentlich sein: die Arzneimittelpolitik und die Optimierung der Arzneimittelversorgung brauchen neue Prioritäten.

Festgebissen haben sich Politik und Selbstverwaltung an einem scheinbar rationalen Konzept, mit dem versucht wird, Wirkstoffe zu bewerten und aus den klinisch reinen Studiendaten zulässige Preise abzuleiten.

Die Wirklichkeit kommt darin nicht vor: voreingenommene, eigenwillige, vergessliche und überforderte Patienten - ebenso wenig Ärzte, die unter Zeitnot leiden oder vielleicht auch Kommunikationsschwächen haben.

Die Folge ist eine beachtliche Noncompliance. Darauf hat vor Jahren schon der Gesundheits-Sachverständigenrat hingewiesen. Er schätzte den ökonomischen Schaden der Noncompliance größer als die Wirkung der Kostendämpfung.

Schlussfolgerungen sind daraus nicht gezogen worden. Der stiere Blick des IQWiG ist auf Wirkstoffe und deren Verhalten in klinischen Studien gerichtet. Die Alltagstauglichkeit eines Arzneimittels, die auch bestimmt wird von Galenik, Applikationsform, Dosierungshäufigkeit und Art der Nebenwirkungen, ist keine für das IQWiG vorrangige Nutzendimension.

Hinzu kommt: Die Interaktion zwischen Arzt und Patient wird nicht berücksichtigt. Diese Aufgabe wird aber bei einer wachsenden Zahl älterer und multimorbider Patienten immer herausfordernder.

Es ist gegenwärtig nicht sichtbar, in welcher Weise die Institutionen der ärztlichen Selbstverwaltung - die Ärztekammern und die KVen - wirklich hilfreiche Konzepte für die Praxis entwickeln. So bleibt der Arzt am Ende einstweilen auf sich selbst gestellt.

Lesen Sie dazu auch: Jeder zweite Patient hält Medikamente für Gift

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Dr. Jürgen Schmidt

Zusammenhänge sehen!

Alles richtig. Compliance/Noncompliance sind die Kardinalkriterien erfolgreicher Medizin überhaupt und nicht nur des Teilaspektes Arzeinmittelversorgung/therapie.

Verbesserungen können nur aus dem Arzt-Patientverhältnis entwickelt und kaum in der Ausbildung gelehrt und auch in der Weiterbildung nicht ausreichend realitätsnah geübt werden. Dazu bedarf es weiterer Instrumente der Fortbildung.

Es liegt jedoch ein defensiver Schatten über der ambulanten Medizin und ihrer Berufspolitik. Die Gründe stehen tagtäglich in der ÄZ. Unter dem permanenten Druck von Bürokratie und Überregulierung, Existenzsorgen kommen in einigen Fällen hinzu, wird die Initiative zu einer gesamtgesellschaftlichen Betrachtung der zunehmenden Entfremdung im Arzt-Patientverhältnis und der Ursachen von Noncompliance nicht allein von den Ärzten zu erwarten sein.

Aber die Standesorganisationen könnten auf die Notwendigkeit eines solchen gesellschaftlichen Diskurses deutlicher hinweisen und auch der lobenswerte Kommentar sollte sich nicht nur auf die genannten Adressen beschränken.

Dr. Thomas Georg Schätzler

Toller Kommentar ...

absolut auf den Punkt gebracht! Danke


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