Berufspolitik

Alarm im Südwesten: Ärztemangel ante portas

Im klassischen Ländle muss die ärztliche Versorgung doch gut sein: Ist sie auch noch, ergab eine Umfrage im Landkreis Göppingen - aber vermutlich nicht mehr lange.

Von Florian StaeckFlorian Staeck Veröffentlicht:

GÖPPINGEN. Wie es um die medizinische Versorgung bestellt ist, wollte der Landkreis Göppingen in Baden-Württemberg wissen. Die Befragung von Bürgern und von Ärzten macht deutlich, dass die derzeit gute Versorgung künftig gefährdet ist.

Die Umfrage durch das Gesundheitsamt im Sommer dieses Jahres konzentrierte sich auf sechs Gemeinden im Kreis mit insgesamt etwa 25.000 Einwohnern.

Das Vorgehen war typisch schwäbisch: Eingesetzt wurden Urnen, die sonst für Wahl verwendet werden, berichtet die Ärztin Dr. Anne Würz vom Gesundheitsamt im Landratsamt Göppingen: "Die Fragebogen lagen in den Gemeinden beispielsweise in Apotheken oder Arztpraxen aus."

Auch konnten die Bürger die Fragebögen online auf der Homepage des Landratsamts abrufen. Genau 1407 Bürger haben die Fragebögen ausgefüllt. Für Würz ist das eine "gute Beteiligung".

Jeder fünfte Arzt sieht Unterversorgung

Parallel dazu wurden kreisweit Ärzte angeschrieben. 344 Ärzte, darunter 111 Hausärzte und 225 Fachärzte, füllten den Fragebogen aus. Das entspricht einer Teilnahmequote von fast zwei Dritteln.

Mehrheitlich sehen die Ärzte ihre Patienten als "ordentlich versorgt" an. Doch jeder fünfte Arzt sieht bei seinen Patienten Anzeichen von Unterversorgung.

Spiegelbildlich dazu die Meinung der Bürger: Mehr als jeder Zweite ist mit dem Angebot an Ärzten zufrieden. 42 Prozent der Teilnehmenden sehen dagegen bereits einen Mangel an Ärzten.

Die dabei am häufigsten genannten Fachgruppen waren Augenärzte, HNO-Ärzte und Dermatologen. "Bei der Bedarfsplanung hat der Landkreis in allen Fachgruppen einen Versorgungsgrad von rund 100 Prozent, in manchen Gruppen liegt der Versorgungsgrad darüber", berichtet Würz.

Berücksichtigen müsse man, dass mehr als die Hälfte der Teilnehmer über 51 Jahre alt gewesen ist, drei von vier der Befragten war über 41 Jahre alt.

Ärzte wollen Haltestellen vor der Praxis

In manchen Fragen teilen Bürger und Ärzte bestimmte Ansichten, in anderen Fragen gehen diese auseinander. So war beispielsweise Ärzten eine gute Anbindung ihrer Praxis an den öffentlichen Nahverkehr - sozusagen eine Bushaltestelle vor der Haustür - sehr wichtig.

"Dagegen wurde dieser Aspekt von den Bürgern mit geringerer Priorität bewertet", berichtet Gesundheitsamts-Mitarbeiterin Würz.

Gleichlautend sehen Ärzte und befragte Bürger dagegen die Arztpraxis als wichtigen Teil der medizinischen Versorgungsinfrastruktur. So betonten Bürger, dass es ihnen wichtig ist, in der Umgebung der Praxis eine Apotheke und weitere Therapeuten wie Krankengymnasten oder Ergotherapeuten zu finden.

Umgekehrt ist es für Ärzte ein hartes Argument in Fragen der Niederlassung, dass es in der Nähe weitere Fachärzte sowie eine Apotheke gibt.

Jeder fünfte Arzt geht bald in den Ruhestand

Ein anderes Ergebnis der Ärzteumfrage dürfte den Verantwortlichen im Kreis Kopfzerbrechen bereiten: "Ein Fünftel der teilnehmenden Ärzte hat angekündigt, in den nächsten fünf Jahren in den Ruhestand zu gehen", berichtet Würz.

18 Prozent der Praxisinhaber suchen bereits nach einem Nachfolger, nur bei drei Prozent dieser Gruppe ist die Suche schon mit Erfolg abgeschlossen.

Angesichts dieser Zahlen wollen die Verantwortlichen im Landkreis am "Gesundheitsstandort" bauen, "um auch künftig für niedergelassene Ärzte attraktiv zu sein", berichtet Würz.

Gestartet hat das Gesundheitsamt die Umfrage vor dem Hintergrund einer Kommunalen Gesundheitskonferenz. Dort sollen die Ergebnisse im kommenden Jahr erörtert werden. Ob es eine Neuauflage der Befragung geben wird, ist noch nicht entschieden.

Der Landkreis werde aber auch künftig Wert darauf legen, "in Fragen der medinischen Versorgung das Meinungsbild der Bürger einzuholen", sagt Würz.

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