"Am Ende stand eine antihumanistische Havarie"

Eine schonungslose Analyse der Ursachen für die schlechte Gesundheit der Menschen in Ostblockstaaten veröffentlichte im Januar 1990 der tschechische Arzt Dr. Emil Ginter in der Zeitschrift "Verejnost".

Veröffentlicht:

Erstmals praktizierten die Ostblock-Staaten Ende der 80er Jahre Glasnost in ihren Gesundheitsstatistiken, die im Jahrbuch der WHO für 1988 die wahren Zustände in den sozialistischen Gesellschaften transparent machten. Als einer der wesentlichen Gründe für die geringe Lebenserwartung erwies sich die hohe und steigende vorzeitige Sterblichkeit. Nur zwischen 60 und 65 Prozent der Menschen im Ostblock erreichten das 65. Lebensjahr.

Während westliche Länder Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs als Todesursachen zumindest in Schach halten konnten, nahm die Bedeutung dieser Krankheiten im Ostblock seit den 70er Jahren zu.

Der Arzt und Ernährungswissenschaftler Ginter hält die Rückständigkeit der Gesundheitssysteme nur für einen Grund. Der Anstieg von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und von Krebs sei ohne Zweifel auch eine Folge der Umweltzerstörungen gewesen. "Nirgendwo sind die Schadstoffemissionen, bezogen auf die Fläche, so hoch wie in der CSSR, in Ungarn und in Polen."

Als weitere Ursache nennt er die biologisch ungeeignete Zusammenstellung der Nahrung - eine Folge verfehlter Planwirtschaft. "Die tatsächliche Entwicklung des Nahrungsmittelverbrauchs, der unter anderem durch die Preispolitik der Regierung beeinflusst wurde, steht in völligem Widerspruch zu Erkenntnissen über die Ernährung." Andauernd stieg der Verbrauch von Schweinefleisch, Selchwaren, Fett, Butter, Eier und Alkohol.

Lange Zeit unbeachtet blieb die Frage, welche psychischen Schäden die totalitäre Diktatur hinterlassen hatte. Ginter schreibt: "Eine Bewegung, die aus einer Ideologie mit humanistischem Kern entsprang, endete in der politischen Praxis mit einer antihumanistischen Havarie. Das Gefühl der Unfreiheit, Angst, Heuchelei, die Unmöglichkeit der Selbstverwirklichung, der Verlust von Perspektiven, der Zerfall von Sittlichkeitsnormen, alltäglicher Stress wegen der nicht funktionierenden Wirtschaft und allgemeiner Rückgang der Lebensqualität riefen in einem großen Teil der Bevölkerung Angst, Frustration und Depression hervor. Emotionale Faktoren beeinflussen das Immunsystem und spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Krankheiten wie Krebs." (HL)

Zum Special "20 Jahre Mauerfall" »

Schlagworte:
Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Krebskongress

Tumorchirurgie: Geschlecht zählt auf beiden Seiten des Skalpells

Kooperation | In Kooperation mit: Deutscher Krebsgesellschaft und Stiftung Deutsche Krebshilfe

Krankenhausreform

Klinik-Atlas soll zum Gemeinsamen Bundesausschuss umziehen

Kommentare
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Mehr als ein oberflächlicher Eingriff: Die Krankenhausreform verändert auch an der Schnittstelle ambulant-stationär eine ganze Menge.

© Tobilander / stock.adobe.com

Folgen der Krankenhausreform für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte

Die Klinikreform bringt Bewegung an der Schnittstelle zwischen Praxen und Krankenhäusern

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: der Deutschen Apotheker- und Ärztbank (apoBank)
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Vernarbung und Fibrosierung

Interstitielle Lungenerkrankung: Die Nachwehen von COVID-19

Infektionsgeschehen

Höhepunkt der Grippewelle wohl überschritten

Lesetipps
Brustkrebs Symbolbild

© Sebastian Kaulitzki / stock.adobe.com

Risikoadaptiert und individualisiert behandeln

Frühes Mammakarzinom: So optimieren Sie die Therapie

Kooperation | In Kooperation mit: Deutscher Krebsgesellschaft und Stiftung Deutsche Krebshilfe
Eine Ärztin spricht mit einer Patientin.

© Siphosethu F / peopleimages.com / Stock.adobe.com

Krebsprävention durch Kommunikation

Zu Krebs halten sich Mythen und Irrtümer hartnäckig – Aufklärung tut not

Kooperation | In Kooperation mit: Deutscher Krebsgesellschaft und Stiftung Deutsche Krebshilfe
Drei Operateure in einem Operationssaal.

© Robert Kneschke / stock.adobe.com

Krebskongress

Tumorchirurgie: Geschlecht zählt auf beiden Seiten des Skalpells

Kooperation | In Kooperation mit: Deutscher Krebsgesellschaft und Stiftung Deutsche Krebshilfe