Berufspolitik

"Am Ende stand eine antihumanistische Havarie"

Eine schonungslose Analyse der Ursachen für die schlechte Gesundheit der Menschen in Ostblockstaaten veröffentlichte im Januar 1990 der tschechische Arzt Dr. Emil Ginter in der Zeitschrift "Verejnost".

Veröffentlicht: 09.11.2009, 05:00 Uhr

Erstmals praktizierten die Ostblock-Staaten Ende der 80er Jahre Glasnost in ihren Gesundheitsstatistiken, die im Jahrbuch der WHO für 1988 die wahren Zustände in den sozialistischen Gesellschaften transparent machten. Als einer der wesentlichen Gründe für die geringe Lebenserwartung erwies sich die hohe und steigende vorzeitige Sterblichkeit. Nur zwischen 60 und 65 Prozent der Menschen im Ostblock erreichten das 65. Lebensjahr.

Während westliche Länder Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs als Todesursachen zumindest in Schach halten konnten, nahm die Bedeutung dieser Krankheiten im Ostblock seit den 70er Jahren zu.

Der Arzt und Ernährungswissenschaftler Ginter hält die Rückständigkeit der Gesundheitssysteme nur für einen Grund. Der Anstieg von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und von Krebs sei ohne Zweifel auch eine Folge der Umweltzerstörungen gewesen. "Nirgendwo sind die Schadstoffemissionen, bezogen auf die Fläche, so hoch wie in der CSSR, in Ungarn und in Polen."

Als weitere Ursache nennt er die biologisch ungeeignete Zusammenstellung der Nahrung - eine Folge verfehlter Planwirtschaft. "Die tatsächliche Entwicklung des Nahrungsmittelverbrauchs, der unter anderem durch die Preispolitik der Regierung beeinflusst wurde, steht in völligem Widerspruch zu Erkenntnissen über die Ernährung." Andauernd stieg der Verbrauch von Schweinefleisch, Selchwaren, Fett, Butter, Eier und Alkohol.

Lange Zeit unbeachtet blieb die Frage, welche psychischen Schäden die totalitäre Diktatur hinterlassen hatte. Ginter schreibt: "Eine Bewegung, die aus einer Ideologie mit humanistischem Kern entsprang, endete in der politischen Praxis mit einer antihumanistischen Havarie. Das Gefühl der Unfreiheit, Angst, Heuchelei, die Unmöglichkeit der Selbstverwirklichung, der Verlust von Perspektiven, der Zerfall von Sittlichkeitsnormen, alltäglicher Stress wegen der nicht funktionierenden Wirtschaft und allgemeiner Rückgang der Lebensqualität riefen in einem großen Teil der Bevölkerung Angst, Frustration und Depression hervor. Emotionale Faktoren beeinflussen das Immunsystem und spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Krankheiten wie Krebs." (HL)

Zum Special "20 Jahre Mauerfall" »

Mehr zum Thema

„ÄrzteTag“-Podcast

Was Corona mit der Gesundheitspolitik macht

Kommentar zur Corona-Pandemie

Was Ethikräte dürfen und Politiker müssen

Schlagworte
Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Newsletter bestellen »

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile.

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt.

Jetzt anmelden / registrieren »

Top-Meldungen
S1-Leitlinie zu COVID-19 aktualisiert

DEGAM

S1-Leitlinie zu COVID-19 aktualisiert

Diese Website verwendet Cookies. Weitere Informationen zu Cookies und und insbesondere dazu, wie Sie deren Verwendung widersprechen können, finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen.  Verstanden