Gesundheitsweiser im Exklusiv-Interview

"An Unis fehlen die Hausarzt-Vorbilder"

Hausarzt-Dasein, und das sogar auf dem Land? Viele Medizinstudierende stellen sich das überaus dröge vor. Dabei nennt der Gesundheitsweise Ferdinand Gerlach die Hausärzte "Zehnkämpfer der Medizin" - doch an den Unis fehlen die positiven Rollenbilder.

Christian BenekerVon Christian Beneker Veröffentlicht:

Ärzte Zeitung: Herr Professor Gerlach, warum interessieren sich so wenige Medizinstudierende für die Hausarztmedizin? Kommen einfach die falschen Erstsemester ins Studium?

Ferdinand Gerlach: So würde ich es nicht sagen. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass die Art der Rekrutierung für das Medizinstudium einen Einfluss darauf hat, wo die Ärzte später arbeiten. Wer vom Lande kommt, arbeitet später auch eher auf dem Land. Ob die Herkunft bei der Studienplatzvergabe aber eine Rolle spielen darf, ist umstritten.

So wird bezweifelt, dass eine solche Regelung gerichtsfest wäre, wenn Stadtkinder diskriminiert werden und diese gleiche Lebens- sowie Berufschancen einfordern. Wir haben hier auch im Rat keine durchschlagende Empfehlung ableiten können. Praktikabel ist aber eine sechswöchige dem Studium vorgeschaltete Praxisphase, damit die Erstsemester nicht völlig unbedarft ins Studium gehen.

Welche Vorstellungen haben die Einser-Abiturienten von dem Arztberuf, dass sie so häufig auf das Medizinstudium zugehen?

Ferdinand Gerlach: Es gehen nicht nur die Einser-Abiturienten darauf zu, sondern auch andere. Wir haben ungefähr 45.000 Bewerber und 10.000 Studienplätze. Allerdings werden die Einser-Abiturienten bevorzugt.

Warum?

Ferdinand Gerlach: Weil es erstens durch höchstrichterliche Rechtsprechung festgeklopft ist, dass die Abi-Note einen überwiegenden Einfluss auf die Zulassung haben muss. Außerdem wird argumentiert, dass die Abiturnote der beste Prädiktor für den Studienerfolg ist. Sehr gute Abiturienten schneiden auch bei den Medizin-Examina sehr gut ab.

Aber werden die Mediziner mit guten Examina auch gute Ärzte?

Ferdinand Gerlach: Das ist schwer zu sagen. Klar ist: Eine gute Examensnote sagt nichts über Empathie, Kommunikations- und Bindungsfähigkeit aus. Tatsächlich sehe ich bei der Zulassung zum Studium kaum Chancen, durchgreifend etwas zu ändern, weil es da einfach zu viele juristische Begrenzungen gibt.

Vielleicht könnte man aber bei den Bewerbern vorherige Qualifikationen in einem Gesundheitsberuf höher gewichten. Auch mehrere Zulassungsschritte mit praktischen Eignungstests und Auswahlgesprächen wären möglich. So könnte die Dominanz der Abiturnote etwas relativiert werden.

Wie könnte denn während des Studiums der Hausarztberuf attraktiver gemacht werden?

Ferdinand Gerlach: Eine wichtige Frage ist hier: Welche Rollen-Vorbilder haben die Studierenden? Den smarten Retter im Notarztwagen? Den heroischen Operateur an einer High-Tech-Universitätsklinik? Den Grundlagenforscher im Labor? Oder sind es gestandene Hausärzte, die Patienten auch zu Hause besuchen, eine Langzeitbeziehung aufbauen können und ihre Patienten umfassend versorgen? An den Unikliniken fehlen die positiven hausärztlichen Rollenvorbilder. Das ist ein großes Problem.

Woher sollten die besseren Vorbilder kommen?

Ferdinand Gerlach: Der Sachverständigenrat empfiehlt, dass alle Studierenden im Praktischen Jahr eine längere Phase in der Hausarztpraxis verbringen sollen. Hier können sie die häufigsten Erkrankungen kennenlernen, die es übrigens in der Uniklinik oft überhaupt nicht zu sehen gibt. Überhaupt sollte die Ausbildung praxisnäher werden. Zurzeit sehen Studierende an Universitätskliniken nur 0,5 Prozent aller in Deutschland behandelten Patienten.

In der Hausarztpraxis dagegen sehen sie zum Beispiel die komplexe Begleitung chronisch kranker Patienten bei Hausbesuchen im Pflegeheim. Dort erleben sie Präventionsuntersuchungen oder die Langzeitversorgung oder Impfungen.

Auch für spätere Chirurgen oder Psychiater sind solche Erfahrungen wichtig. Der Vorbildeffekt wirkt dann von ganz alleine. Die Studierenden lernen aus eigener Anschauung Hausärzte kennen, sozusagen die Zehnkämpfer der Medizin, und gewinnen so Interesse am Fach.

Der Hausarztberuf ist ja ein dienender Beruf. Kann es sein, dass die Studierenden diesen Dienst nicht leisten wollen?

Ferdinand Gerlach: Wir sehen bei den Studierenden, dass sie als Studienanfänger noch heilen und helfen wollen, aber dann durch die Routinen und den Arbeitsdruck in den großen Uni-Klinken desillusioniert werden. Insofern ist es eine Chance, wenn sie in der hausärztlichen Medizin noch eine andere Art der Versorgung kennenlernen. Studien zeigen uns: Wenn Studierende in akademischen Lehrpraxen eigene Erfahrungen sammeln, verändert sich ihre Einstellung zur Hausarztmedizin positiv.

Wie denken Sie über die Landarztquote, also Studienzulassung gegen Selbstverpflichtung?

Ferdinand Gerlach: Das ist eine politisch motivierte Diskussion. Die haben wir weder im Sachverständigenrat noch in der DEGAM bisher geführt. Ich persönlich halte die Landarztquote für schwierig, wo Studierende sich zu Beginn des Studiums verpflichten, als Hausarzt aufs Land zu gehen. Denn da müssten sich im Zweifel 18-Jährige für mindestens 16 Jahre festlegen. Das ist vor allem lebenspraktisch schwierig. Das BMG hat dazu ein Gutachten in Auftrag gegeben, das prüfen soll, ob eine Landarztquote juristisch überhaupt durchsetzbar wäre.

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