Berufspolitik

Bahrs Reform auf wackeliger Datenbasis

Versorgungssteuerung in Deutschland ist ein Blindflug. Daten fehlen und wenn es welche gibt, werden sie kaum genutzt. Keine gute Basis für Bahrs Versorgungsgesetz.

Von Wolfgang van den Bergh Veröffentlicht: 27.09.2011, 05:00 Uhr
Daten über Daten: Sie gilt es zu heben für die Versorgungsforschung.

Daten über Daten: Sie gilt es zu heben für die Versorgungsforschung.

© Africa Studio / shutterstock.com

STUTTGART. Mangelhafte Daten, eine fehlende Methodik, keine konkreten Zielvorgaben und ein tiefes Misstrauen untereinander - das sind die Folgen einer über Jahre versäumten Versorgungsforschung.

Wie auf dieser Grundlage Versorgungssteuerung möglich sein soll, blieb für die meisten Teilnehmer auch nach der Veranstaltung "Versorgungsforschung gestalten - eine Perspektive für das Gesundheitswesen" in der Stuttgarter Liederhalle ein Rätsel.

Eingeladen zu der Diskussionsrunde hatte der Landesverband der Barmer GEK und der Pharmapolitische Arbeitskreis Bayern und Baden-Württemberg.

Begriffe sind oft nicht klar

Gleich zu Beginn machte Professor Franz Porzsolt von der Uni Ulm (Klinische Ökonomik) deutlich, dass es offenbar ein großes Missverständnis darüber gibt, was Versorgungsforschung leisten solle.

Dabei würden die Begriffe klinische Forschung und Versorgungsforschung häufig verwechselt. Klinische Forschung sei monodimensional und orientiere sich an idealtypischen Bedingungen, erläuterte Porzsolt. Versorgungsforschung hingegen sei an den Versorgungsrealitäten des Alltags ausgerichtet.

Ein Stichwort, das von Dr. Michael Barczok, Chef des Gesundheitsnetzwerks Süd und niedergelassener Pneumologe in Ulm, gerne aufgegriffen wurde. Fehlende Daten machten Versorgung zu einem Blindflug, stellte er fest.

Der von Kassenärztlicher Bundesvereinigung und Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung entwickelte Versorgungsatlas könnte hier für Abhilfe sorgen.

Beispiel GEK-Gesundheitsreport

Versorgungssteuerung auf der Grundlage verlässlicher Daten würde nicht nur die Qualität der Patientenversorgung verbessern, sondern auch zu mehr Gerechtigkeit bei der Vergütung ärztlicher Leistungen führen, so Barczok.

In diesem Zusammenhang verwies Barmer-GEK-Vize Dr. Rolf Schlenker auf die ersten GEK-Gesundheitsreports Mitte der 90er Jahre. Darin seien unter Einhaltung aller datenschutzrechtlichen Bestimmungen Zahlen zusammengetragen worden, um mehr Einblicke in das Morbiditätsgeschehen zu bekommen.

Nach seiner Auffassung gibt es neben der deskriptiven Erfassung noch drei weitere Ziele, für die Versorgungsforschung genutzt werden kann,

  • zur Offenlegung von Fehlversorgung;
  • zur Analyse von Versorgungsverträgen und
  • zur Entwicklung politischer Initiativen.

Bei aller Kritik am Versorgungsstrukturgesetz lobte Schlenker die Initiative für Versorgungsforschung. In Paragraf 303 (SGB V) sieht der Gesetzgeber eine bessere Nutzung der Daten vor, die im Zusammenhang mit dem morbiditätsbezogenen Risikostrukturausgleich gesammelt werden. Das sei ein wichtiger Grundstein für die Versorgungsforschung.

Auch die pharmazeutische Industrie sieht sich hier in der Pflicht. Vor allem bei der Entwicklung neuer Wirkstoffe würden genaue Analysen zu Morbidität gemacht. Experten könnten hier für die Versorgungsforschung ihre Expertise einbringen.

Ziel sei es, den medizinischen Fortschritt schnellstmöglich den Patienten zur Verfügung zu stellen, sagte Dr. Tim Husemann von MSD.

Versicherte in die Versorgungsforschung

Dieter Möhler, Chef des Deutschen Diabetiker Bundes, forderte auch eine stärkere Einbeziehung der Versicherten in die Versorgungsforschung. Er kritisierte insbesondere die Arbeit des GBA.

Anträge zur Qualitätssicherung fänden dort nur begrenzte Berücksichtigung, so Möhler. Zudem könne es nicht sein, dass Versorgungsstudien von Stiftungen in Auftrag gegeben werden müssten, nur um valide Zahlen über das Versorgungsgeschehen zu erhalten.

Dr. Thorsten Pilgrim vom Dienstleister AnyCare fasste die Forderungen zusammen: Ziel der Versorgungsforschung müsse mehr Effizienz sein. Dazu benötige man die besten verfügbaren Daten. Und diese würden bei allen Schwächen immer noch bei den Kassen zu finden sein.

Spezialärztliche Versorgung - Chance vertan?

Die spezialärztliche Versorgung als weitere Versorgungssäule könnte entscheidend dazu beitragen, die Sektorengrenzen zu überwinden, sagte Barmer- GEK-Vize Dr. Rolf-Ulrich Schlenker in der Versorgungsforschungs-Diskussion in Stuttgart. Wenn diese Regelung aufgrund der Ablehnung im Bundesrat nicht ins Gesetz komme, dann werde dieses Thema wohl nie mehr aufgegriffen, prophezeite Schlenker. Jetzt gebe es die große Chance, die Kliniken stärker ins Spiel zu bringen. Selbstverständlich müsse der Paragraf bezüglich der Leistungserbringung (Stichwort: Facharztstandard) überarbeitet werden. Oberstes Gebot: faire Bedingungen für Klinik und Praxis.

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