Arzneimittelpolitik

"Bei Ärzten sollte Therapie, nicht Ökonomie dominieren"

Viele Ärzte würden ihren Patienten gerne die Arzneien verordnen, die sie für die wirksamsten halten. Aber sie sehen sich durch ökonomische Zwänge eingeschränkt.

Von Christiane Badenberg Veröffentlicht: 05.11.2009, 05:00 Uhr

MAINZ. "Ich kenne kein anderes Land, in denen Ärzte auch für die Wirtschaftlichkeit verantwortlich sind", kommentiert Wulff-Erik von Borcke, Geschäftsführer von Abbott Deutschland, die Ergebnisse des Arzneimittel-Atlas 2009. Diese haben gezeigt, dass vor allem neue Medikamente in Deutschland regional sehr unterschiedlich verordnet werden (wir berichteten). Und dass in manchen Regionen nach Ablauf des Patentschutzes die Verordnung von innovativen Arzneimitteln stark steigt. Das zeigt seiner Meinung nach mehr als deutlich, dass Ärzte diese Medikamente für wichtig halten, aber häufig davon absehen, sie zu verschreiben, weil sie einen Regress fürchten.

Rheinland-Pfalz steht bei Verordnungen ganz gut da

Dass Ärzte sich hier in einem großen Dilemma befinden, bestätigte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz Dr. Günter Gerhardt, in der vom Verband forschender Arzneimittelhersteller organisierten Veranstaltung in Mainz. "Ärzte bedrückt, dass sie nicht nach neuesten Erkenntnissen verordnen können, sondern stets die wirtschaftlichen Aspekte im Hinterkopf haben müssen", sagte Gerhardt.

Dabei steht Rheinland-Pfalz bei den Arzneiverordnungen im bundesweiten Vergleich noch ganz gut da, wie der Autor des Arzneimittel-Atlasses Professor Bertram Häussler vom IGES-Institut darstellte. Die Pro-Kopf-Ausgaben für Arzneimittel lagen im vergangenen Jahr mit 406,7 Euro unter dem bundesweiten Durchschnitt von 422,1 Euro. Der Anteil bei den Verordnungen innovativer Arzneimittel liegt dagegen mit 1,04 Prozent Marktanteil am Gesamtverbrauch über dem bundesweiten Durchschnitt von 0,97 Prozent. Zu den innovativen Medikamenten zählt Häussler Arzneien mit neuen Wirkstoffen, die in den vergangenen vier Jahren auf den Markt gekommen sind.

Nur Wirkstoffe verordnen, das mögen viele Ärzte nicht

Gerhardt beklagte allerdings, dass die Medizin seiner Meinung nach zum Nachteil der Patienten immer weiter verwässert werde. "Nur noch den Wirkstoff zu verordnen, das ist schlechte Medizin", so der KV-Chef.

Eine neue Form von Rabattverträgen für Arzneimittel forderte Abbott-Geschäftsführer von Borcke. Er sprach sich für mehrdimensionale Verträge aus, die nicht nur den Preis im Blick haben, sondern zum Beispiel auch ein Compliance-Monitoring anbieten.

Arbeit des IQWiG wird kritisch beäugt

Er berichtete auch, dass die Diskussion um die Kosten-Nutzen-Bewertung, so wie sie in Deutschland geführt werde, in anderen Ländern sehr schlecht ankomme. Im Ausland würde ganz genau beobachtet, was bei uns alles reglementiert werde. Dieses Problem sprach auch Richard Ortseifer vom rheinland-pfälzischen Wirtschaftsministerium an. Gespräche mit ausländischen Investoren zeigten, dass Deutschland immer häufiger als innovationsfeindlich wahrgenommen werde. Als Gründe würden ständig wechselnde und vor allem intransparente Regelungen genannt. "Methodik und Arbeitsweise des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWiG werden in diesem Zusammenhang als ein weiterer negativer Meilenstein betrachtet", sagte Ortseifer. Deshalb habe sein Ministerium die Initiative der Wirtschaftsministerkonferenz mitgetragen, die eine transparente und nachvollziehbare Methodik bei der Kosten-Nutzen-Bewertung einfordere.

Von Borcke warb dafür, die Gesundheitswirtschaft nicht immer nur als Kostenfaktor, sondern auch als Wachstumsmotor zu sehen. "Sie lebt von unserem Hirn und unserem Wissen", so der Pharma-Manager. Bedacht werden sollte zudem, dass die Pharmazeutische Industrie - im Gegensatz zu einigen anderen Wirtschaftszweigen - noch nie staatliche Hilfe habe in Anspruch nehmen müssen.

Wenig Verständnis zeigte er dafür, dass es noch immer nicht gelungen sei, einen vernünftigen Umgang mit den steigenden Arzneiausgaben zu finden. "In den vergangenen zehn Jahren sind die Arzneiausgaben jährlich im Schnitt um 1,4 Milliarden Euro gestiegen. Und wenn etwas gleichbleibend ist, ist es planbar und auch finanzierbar", so von Borcke.

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