Ethische Debatte

Beschneidung im Ethikrat

Zirkumzisionen bei Jungen erhitzen die Gemüter: Seit dem Kölner Urteil laufen religiöse Verbände Sturm. Nun befasst sich der Ethikrat mit dem Thema.

Veröffentlicht: 27.07.2012, 14:45 Uhr
Beschneidung im Ethikrat

Scharfe Sache: Beschneidungen beschäftigen jetzt den Ethikrat.

© Bea Kallos / dpa

BERLIN (dpa). Das Streitthema Beschneidung beschäftigt nun auch den Deutschen Ethikrat.

Am 23. August 2012 wird sich das unabhängige Expertengremium in öffentlicher Sitzung mit der Beschneidung von minderjährigen Jungen aus religiösen Gründen befassen.

Das teilte das Gremium am Freitag in Berlin mit. Das Landgericht Köln hatte Ende Juni Beschneidungen von Jungen aus religiösen Gründen für rechtswidrig und strafbar erklärt und damit bundesweit eine heftige Debatte ausgelöst.

Von Juden und Muslimen, bei denen die Beschneidung von Jungen ein wichtiges religiöses Ritual mit langer Tradition ist, wurde das Urteil scharf kritisiert.

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Kommentare
Dr. Thomas Georg Schätzler

Kurzfassung

Zeit für eine Neubesinnung auf die genitale und körperliche Selbstbestimmung. Blutige Eingriffe an blutjungen Menschen passen nicht mehr in unsere Zeit. Eine verbreitete deutsche Religionsmüdigkeit trifft auf die rechtstheoretische Ansicht, die Religionsmündigkeit entwickele sich erst mit selbstreflektierendem Denken, Fühlen, Wollen und Handeln.

Bedenkenträger des Islams und des Jüdischen Glaubens kommen mit Jahrtausende alten Traditionen. Aber gerade diese führten uns im Christentum zu Gesinnungsterror gegen Andersdenkende, kolonialistischem Genozid in Mittel- und Südamerika, zu Pogromen, Glaubenskriegen und erbarmungslosen Kreuzzügen gegen Islamgläubige bzw. Juden. Hexenverfolgung, Folter, Exorzismus, Züchtigung und sexueller Missbrauch wirken bis heute nach.

Rituelle Beschneidungen von Kindern sind willkürlich. Bei Mädchen und Frauen sind sie weltweit geächtet, bei männlichen Säuglingen und Kindern können sie nicht einfach propagiert werden. Sie sind keine Präventiv- oder Heileingriffe. Dann wäre der nicht beschnittene Rest der Männerwelt in seiner Gesundheit akut bedroht und hätte lebenslang etwas völlig falsch gemacht.

In unser aufgeklärten, säkularisierten Bundesrepublik Deutschland mit Trennung von Staat und Kirche bzw. Abkehr vom fundamentalistischen Gottesstaat sind rein religiös begründete Zirumzisionen (Beschneidungen, Vorhautentfernungen) keine bei Säuglingen und Kindern einwilligungsfähige Eingriffe. Wir leben in einer demokratischen, von individuellen Menschenrechten und Achtsamkeit geprägten postmodernen Industriegesellschaft.

Alle Religionsgemeinschaften, die rituell beschneiden wollen, sind am Zug. Sie müssen ihren Ritus erklären, reflektieren und unseren gesellschaftlichen Regeln anpassen, wie sich auch das Christentum jahrhundertelang angepasst hat. Unsere politische und soziale Rechtsordnung gebietet: "Weniger Beschneidungen und mehr Demokratie wagen!"

Dr. med Thomas G. Schätzler
Facharzt für Allgemeinmedizin
Dortmund


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