Dr. Marcel Junod

Blick ins Tagebuch: Mediziner als Zeitzeuge

Dr. Marcel Junod besuchte kurz nach der Katastrophe Hiroshima — und rettete 10.000 Menschenleben.

Veröffentlicht: 17.08.2018, 15:05 Uhr

Der gebürtige Schweizer Dr. Marcel Junod war nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima der erste westliche Arzt, der sich das Ausmaß der Zerstörung mit eigenen Augen ansah — einen Monat danach. Der neue Leiter des Internationalen Roten Kreuzes in Japan notierte ins Tagebuch die Eindrücke beim Anflug: "Wir sahen einen Ort, der nichts glich, was wir je zuvor gesehen hatten. Das Zentrum der Stadt war eine Art weißer Fleck, flachgedrückt und glatt wie die Innenseite einer Hand. Nichts war übrig."

Am Tag nach seiner Ankunft ging Junod mit einer Delegation amerikanischer Soldaten auf Erkundungstour. Selbst in drei Meilen Entfernung seien die Häuser wie Kartons plattgedrückt gewesen. Außerdem beobachtete er seltsame Phänomene: "Stellenweise war das Gras gebleicht, als wäre es ausgetrocknet; ein japanischer Journalist erklärte, dass Pflanzen, Gemüse und Reis im Umkreis von bis zu fünf oder sechs Meilen um das Hypozentrum der Bombe ihre grüne Farbe direkt nach der Explosion verloren hatten. Sie bekamen erst drei oder vier Wochen später ihre Farbe zurück. Aber manche Pflanzen, die offenbar sensibler waren, waren tot."

Junod besuchte ein Krankenhaus in einer halbzerstörten Schule, als es regnete – durch die Löcher im Dach ins Gebäude. "Die, die Kraft hatten, verzogen sich in geschützte Ecken, während andere auf so etwas wie Paletten lagen. Das waren die Sterbenden." Das Krankenhaus hatte zehn Krankenschwestern und 20 junge Mädchen, die sich um die Verletzten kümmerten. Einmal am Tag kam ein Arzt von auswärts vorbei. "Es gab kein Wasser, keine sanitären Einrichtungen, keine Küche", schrieb Junod. "Alles ist unglaublich dreckig. Mehrere Patienten leiden an den verspäteten Folgen der Radioaktivität mit vielen Hämorrhagien. Sie brauchen regelmäßige kleine Bluttransfusionen, aber es gibt keine Spender und keine Ärzte, um die Kompatibilität zu bestimmen, und so werden sie nicht behandelt."

Etwas besser war die Lage im Rotkreuzkrankenhaus, das zum größten Teil der Druckwelle und dem Feuer standgehalten hatte. Aber auch dort könne man keine Bluttransfusionen durchführen, sagte einer der Ärzte, entweder mangels Ausrüstung, oder weil Spender entweder gestorben oder verschwunden waren. Von den 1000 Patienten, die sie am Tag des Desasters behandelt hätten, seien direkt 600 gestorben.

Von den 300 Ärzten in Hiroshima seien 270 gestorben oder verletzt, von 1780 Krankenschwestern seien 1654 gestorben oder verletzt. Geschockt von seinen Eindrücken orderte Junod umgehend bei den Amerikanern Verbandmaterial und Medikamente wie Penicillin — und rettete damit schätzungsweise 10.000 Menschenleben. (bso)

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