AOK-Chefin Reimann
„Dass Frauen nicht einfach nur kleine Männer sind, muss endlich berücksichtigt werden“
Ob Studium, Fortbildung oder Arzneimittelforschung: Das weibliche Geschlecht spielt in der Medizin eine untergeordnete Rolle. Das zeigt eine forsa-Umfrage für den AOK-Bundesverband. Vorständin Carola Reimann mahnt ein Umdenken an.
Veröffentlicht:
„Konsequente Verankerung geschlechtsspezifischer Aspekte“: AOK-Vorständin Dr. Carola Reimann.
© Stephanie Pilick
Berlin. Das Geschlecht spielt in der Medizin nach wie vor eine untergeordnete Rolle. Eine forsa-Umfrage des AOK-Bundesverbands unter mehr als 500 Ärztinnen und Ärzten zum Internationalen Tag der Frauengesundheit zeigt auf, dass geschlechtsspezifische Inhalte nach wie vor unzureichend berücksichtigt werden.
Zwei Drittel der Medizinerinnen und Mediziner haben demnach noch nie eine Fortbildung zur unterschiedlichen Behandlung von Männern und Frauen besucht. Hauptgrund (44 Prozent) ist der Mangel an Angeboten, 38 Prozent halten dies für ihr Fachgebiet für nicht relevant.
Rund ein Drittel der Befragten gibt jeweils an, dass das Medizin-Studium keine Inhalte dazu vermittele, dass sich Krankheiten bei Frauen und Männern unterschiedlich äußern könnten. Mehr als jede zweite Ärztin (54 Prozent) hat den blinden Fleck in der Ausbildung im Berufsalltag schon einmal als Nachteil empfunden. Von den männlichen Kollegen gestanden dies lediglich 34 Prozent ein.
„Frauengesundheit gerät zwar immer stärker in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit, aber um diese wirklich systematisch zu stärken, braucht es eine konsequente Verankerung von geschlechtsspezifischen Aspekten in Forschung, Lehre und Versorgung“, kommentiert die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Dr. Carola Reimann, die Ergebnisse.
Gesundheitsnetz QuE in Nürnberg
„Wir machen Versorgungsunterschiede sichtbar“
„Dass Frauen nicht einfach nur kleine Männer sind, muss endlich angemessen berücksichtig werden“, so Reimann. Solange auf den medizinischen Karrierepfaden noch keine Gleichberechtigung herrsche, müssten Männer in Schlüsselpositionen für die Frauengesundheit eintreten.
Immerhin: 87 Prozent der Befragten sind sich darin einig, dass in medizinischen Leitlinien geschlechtsspezifische Aspekte eine größere Rolle spielen sollten. Breites Problembewusstsein zeigt die Ärzteschaft auch bei Zulassungsstudien von Arzneimitteln.
In Deutschland gebe es keine Verpflichtung dazu, Frauen dabei entsprechend ihres Anteils an Erkrankten zu berücksichtigen. Dies gelte vor allem für frühe Studienphasen, in denen es um Dosierungen und Toxizität gehe.
81 Prozent der Ärzteschaft kritisiert als sehr oder eher problematisch die fehlende Verpflichtung, in Phase-3-Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit ausreichend Frauen einzuschließen. „Dabei geht es nicht um kleine Unannehmlichkeiten, sondern um teils ernsthafte, dauerhafte Folgeschäden, die entstehen, weil Geschlechtsunterschiede bei der Zulassung von Medikamenten unzureichend untersucht werden“, so Reimann. (af)







