Aufklärung, Engagement, Alarmismus

Der Klimawandel und die Rolle der Wissenschaft

Haben Wissenschaftler auch eine gesellschaftliche Verantwortung, oder sollten sie sich besser von Politik fernhalten? Bei der Herbsttagung des Ethikrats wurde am Beispiel Klimawandel deutlich: Die Antwort darauf ist eine komplexe.

Von Heidi Niemann Veröffentlicht: 30.10.2019, 17:04 Uhr
Warnt vor zu großer Nähe von Politik und Wissenschaft: Professor Hans von Storch. Deutscher Ethikrat

Warnt vor zu großer Nähe von Politik und Wissenschaft: Professor Hans von Storch. © Deutscher Ethikrat

© Deutscher Ethikrat

Göttingen. Selten wurde der Wissenschaft so viel Bedeutung beigemessen wie heute. Die Menschen sollten sich hinter der Wissenschaft vereinen, um die Klimakatastrophe zu verhindern, fordern Greta Thunberg und die „Fridays for Future“-Bewegung.

Ihnen gegenüber stehen Wissenschaftsskeptiker, die abstreiten, dass es einen durch Menschen verursachten Klimawandel gibt. Welche Rolle soll Wissenschaft in der gesellschaftlichen Debatte einnehmen? Sollen sich Forscher in die Politik einmischen? Was können sie tun, um eine höhere Akzeptanz und bessere Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu erreichen?

Bei der Herbsttagung des Deutschen Ethikrates in Göttingen gab es keine einfachen Antworten.

Professor Peter Dabrock, Theologe und Vorsitzender des Ethikrates, verwies darauf, dass kaum ein Thema so gut erforscht sei wie der Klimawandel. Wissenschaft müsse sich aber immer neu beweisen.

Verantwortung der Wissenschaftler

Professor Antje Boetius wurde bei ihren Expeditionen Augenzeugin der beschleunigten Erwärmung, die mit dem Klimawandel einhergeht. „Das Meereis schmilzt schneller als alle Modelle vorhersagen“, berichtete Meeresbiologin, die an der Universität Bremen unterrichtet und Direktorin des AlfredWegener-Instituts am Helmholtz-Zentrum für Meeres- und Polarforschung in Bremerhaven ist.

Die vielfach ausgezeichnete Wissenschaftlerin setzt sich seit langem für eine deutliche Verschärfung des Klimaschutzes ein. Obwohl die Auswirkungen des Klimawandels deutlich sichtbar seien, habe die Politik bislang nicht die nötigen Konsequenzen gezogen. „Die Wissenschaft redet, bloß keiner hört zu“, sagte Boetius.

Es stelle sich daher die Frage, wie eine ethisch verantwortliche und zugleich vertrauenswürdige Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte gelingen könne. Eines könne man sich jedenfalls nicht leisten: Abwarten, bis die Daten aus der Klimaforschung „noch sicherer“ sind.

Bereits jetzt stehe genügend gesichertes Wissen bereit, um politische Forderungen stellen zu können. Dies hat sie mit anderen Forschern getan: Boetius ist eine der Verfasserinnen der 2019 veröffentlichten Stellungnahme der Nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina, in der Sofortmaßnahmen zum Schutz des Klimas beschrieben werden. „Wir trauen uns, Staaten Empfehlungen zu geben“, sagte Boetius.

Beraten, aber nicht Ergebnisse vorwegnehmen

Nach Ansicht des Hamburger Klimaforschers und früheren Leiter des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz Zentrum Geesthacht, Professor Hans von Storch, sollten sich Wissenschaftler dagegen auf ihre Fachperspektive beschränken und sich „in ihre Labore zurückziehen“.

Wissenschaftler sollten die „Rolle des ehrlichen Maklers“ annehmen und politische Prozesse beraten, aber nicht Ergebnisse vorgeben. Wenn Wissenschaft und Politik sich zu sehr annäherten, verlören sie ihre Stärken: „Wissenschaft wird entwissenschaftlicht, und Politik wird entpolitisiert.“

Wissenschaft müsse immer offen gegenüber anderen Ansätzen sein. Aufgabe der Politik sei es dagegen, für den Ausgleich gesellschaftlicher Gegensätze zu sorgen.

Von Storch warnte zudem vor einem Alarmismus, weil dies die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft beschädige. Als Beispiel nannte er die Debatte um das Waldsterben in den 1980er Jahren. Damals hätten Forscher in ihren Prognosen die drohenden Schäden übertrieben dargestellt, um gewünschte politische Entscheidungen herbeizuführen: „Das war ein Sündenfall, den ich als Wissenschaftler nicht hinnehmen kann.“

Gesellschaftliche Folgen bedenken

Der Sozialwissenschaftler Professor Stefan Cihan Aykut von der Universität Hamburg plädierte dafür, bei klimapolitischen Entscheidungen auch die gesellschaftlichen Auswirkungen mit zu bedenken.

Die nächste Phase der Energiewende sei mit einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel verbunden. Daher sollte die Expertise der Sozialwissenschaftler in die Politikberatung einbezogen werden.

Nach Ansicht des Göttinger Rechtswissenschaftlers Professor Peter-Tobias Stoll ist die Politik schon jetzt zum Handeln verpflichtet und muss nicht auf weitere Erkenntnisse der Wissenschaft warten. Schließlich sei im Grundgesetz (Artikel 20a) die Schutzpflicht des Staates für die natürlichen Lebensgrundlagen verankert.

Am Klimapaket der Bundesregierung ließ er kein gutes Haar, auch nicht an dem geplanten Expertenrat für Klimafragen: „Das ist eine wunderbare Verpackung für eine relativ kleinteilige Institution“, sagte Stoll.

Außerdem seien die dort versprochenen Forschungsprojekte zu einseitig ausgerichtet. „Es wird viel zu wenig zu den Auswirkungen des Klimawandels geforscht.“

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