Der Mann mit der Fliege schaltet den Reformturbo ein

BERLIN (ble). Für die einen ist er ein unangenehmer Querdenker, für die anderen ein Wichtigtuer, dem der Auftritt vor der Kamera mehr bedeutet als die Teilnahme an Sitzungen des Gesundheitsausschusses: Die Rede ist von Professor Karl Lauterbach, Arzt, Gesundheitsökonom und SPD-Bundestagsabgeordneter.

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Und auch bei vielen Ärzten hat er einen schweren Stand - für nicht wenige ist er gar eine Hassfigur. Doch das könnte sich jetzt ändern: Denn der 1963 in Düren geborene Politiker spricht sich in seinem neuen Buch "Gesund im kranken System" für einen radikalen Kurswechsel in der ärztlichen Honorierung aus. Seine Forderungen: Weg mit den Kassenärztlichen Vereinigungen und her mit einer einheitlichen Gebührenordnung für Privat- und GKV-Versicherte nach dem Vorbild der GOÄ!

"Das System der Kassenärztlichen Vereinigungen ist am Ende. Das System der Kassenärztlichen Vereinigungen hat sich verbraucht", sagt Lauterbach am Montag bei der Vorstellung seines literarischen Rundgangs durch das deutsche Gesundheitswesen. Es sei schlicht zu kompliziert. Selbst der Chef der KBV Dr. Andreas Köhler räume dies inzwischen ein, ätzt Lauterbach, der 2005 im Wahlkreis Köln-Mülheim/Leverkusen ein Direktmandat gewann und auch diesmal wieder antritt.

Was für ihn aber viel schwerer wiegt: Das "System" verhindere eine Wende hin zu einem auf Krankheitsvermeidung ausgerichteten Gesundheitswesen, sagt er. Und da hat für den Mann mit der Fliege die sprechende Medizin klaren Vorrang. Nötig sei daher ein möglichst einfaches System, das die Prävention belohne. Hierfür sei innerhalb einer reformierten "Gebührenordnung für alle" ein "hoher Pauschalanteil" vorzusehen, ergänzt um zusätzliche Vergütungselemente für teure Einzelleistungen. Weniger Honorar soll es für die Ärzte dadurch nicht geben, für die Hausärzte sogar deutlich mehr als bisher.

Das jetzige System der Honorarverhandlungen zwischen KVen und Kassen gleiche dagegen eher einem "Basar" und sei in Europa einzigartig. Überall werde darüber diskutiert, ob die Bezahlung der Ärzte ausreiche oder nicht - nur in Deutschland laufe der Streit an technischen Detailfragen wie Regelleistungsvolumina oder Honorarverteilungsmaßstäben entlang. Eine an Inhalten orientierte Gesundheitspolitik finde dagegen nicht statt.

Für Lauterbach ist das auch Folge einer fehlenden oder nur gering ausgeprägten Kompetenz eines Teils der Kollegen im Gesundheitsausschuss des Bundestags: Viele Politiker gäben nur wieder, was ihnen KV-Funktionäre im Wahlkreis vorher zugeflüstert hätten. "Viele Gesundheitspolitiker kennen sich nur mit dem Honorarsystem aus." Ob er auch deshalb die eine oder andere Sitzung verpasst?

Bei der KBV löst Lauterbach mit seinen Forderungen unterdessen Kopfschütteln aus: "In typischer Manier betreibt Herr Lauterbach einmal mehr populistische Polemik statt konstruktiver Politik", greift KBV-Chef Köhler den SPD-Querkopf scharf an. Lauterbach erkenne nicht, dass es bei den aktuellen Auseinandersetzungen um die bestmögliche Versorgung der Patienten gehe.

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