Hintergrund

Der Umgang mit aggressiven Patienten will gelernt sein

Pflegekräfte erleben immer wieder Übergriffe von Patienten. Vorbeugung ist in einem gewissen Umfang möglich.

Von Dirk SchnackDirk Schnack Veröffentlicht:

Sie pöbeln, schreien, spucken oder schlagen - Patienten sind keineswegs immer friedlich. Jährlich werden 4000 Fälle gemeldet, in denen Beschäftigte im Gesundheitswesen bei Attacken von Patienten verletzt werden. "Für viele Beschäftigte in Betreuungs- und Pflegeberufen gehören solche Vorfälle zum beruflichen Alltag", berichtet Annett Zeh von der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW).

Die gemeldete Zahl von Übergriffen hält man bei der BGW nur für die Spitze des Eisbergs - die Dunkelziffer für einige Einrichtungen wird auf 50 Prozent geschätzt. Das Zahlenmaterial dazu ist dürftig. Laut Professor Dirk Richter von der Fachhochschule Bern zeigen verschiedene Studien aus der Psychiatrie in Deutschland, dass es bei zwei bis drei Prozent der Patienten zu körperlichen Übergriffen gegen das Personal kommt. In einem großen somatischen Klinikum in der Schweiz haben 17 Prozent der Mitarbeiter angegeben, dass sie an ihrem Arbeitsplatz innerhalb eines Jahres körperlich angegriffen worden sind. Weit häufiger kommt es zu verbalen Attacken, die jedoch nicht von allen Mitarbeitern als bedrohlich eingestuft werden.

Die Übergriffe führen zum Teil zu kleineren Verletzungen wie Kratzwunden oder Hämatomen. Auch posttraumatische Belastungsstörungen sind möglich. "Die psychische Belastung ist gerade in den ersten Wochen und Monaten nach einem Vorfall relativ hoch", sagte Richter. Mittel- bis langfristig, warnte er in einem Forum der BGW, könnten wiederkehrende Vorfälle zum Burn-out führen. Das Problem: Viele Zwischenfälle werden nicht gemeldet, weil die betroffenen Mitarbeiter Angst haben, als unprofessionell verurteilt zu werden.

Zur Vorbeugung empfahl Richter nach einer adäquaten Risikoeinschätzung Deeskalationstechniken. Für Mitarbeiter, die einem höheren Risiko ausgesetzt sind, hält er auch die Schulung von körperlichen Abwehrtechniken für sinnvoll. Arbeitgeber sollten nach seiner Ansicht auch an eine Nachsorge für betroffene Mitarbeiter denken.

Ursache für die Aggressivität von Patienten ist nach Angaben von Marc Engeldinger, Leiter der Abteilung Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz im Krankenhaus St. Louis in Ettelbrück (Luxemburg), eine zunehmende Reizbarkeit durch Stress, Angst und Erwartungsdruck. Hinzu kommt, dass Darstellungen in den Medien nach seiner Ansicht die natürliche Hemmschwelle für Gewalt senken. Im Krankenhaus kämen noch Angst, das Gefühl des Ausgeliefertseins, Schmerzen und die Ungewissheit über den Verlauf der Erkrankung hinzu. Engeldinger: "Der Umgang mit Patienten erfordert besondere Vorgehensweisen, die seine Würde wahren, ohne die Sicherheit des Personals aus den Augen zu verlieren." An seinem Krankenhaus (280 Betten) wurde deshalb vor einigen Jahren ein Projekt zum Umgang mit Gewalt umgesetzt. Dazu gehören:

  • Erfassung der Zwischenfälle:Diese werden auf den Stationen in Kategorien eingestuft, monatlich von einer interdisziplinären Arbeitsgruppe analysiert und bei Bedarf Verbesserungen eingeleitet.
  • Deeskalationstechniken: Mitarbeiter werden darin geschult, Ursachen von Übergriffen zu erkennen. So sollen drohende Aggressionen frühzeitig durch Kommunikations- und Verhaltenstechniken verhindert werden. Trainiert werden aber auch schonende Befreiungstechniken.
  • Arbeitsplatzgestaltung: Durch eine neue Anordnung von Schreibtisch und Untersuchungsliege wurden Fluchtmöglichkeiten für die Mitarbeiter geschaffen. Gefährliche Gegenstände kamen unter Verschluss, lose Kabel und Leitungen wurden dem Zugriff der Patienten entzogen.
  • Alarmierung: Über einen Notruf werden psychiatrische Fachkräfte, bei Bedarf auch zusätzliches Wachpersonal alarmiert.
  • Psychologische Unterstützung: Mitarbeiter haben die Möglichkeit, anonym psychologische Unterstützung zu beantragen. Sie werden an externe Beratungsstellen vermittelt.

Das Zwischenfazit Engeldingers fällt positiv aus: Die Zahl schwerer Übergriffe hat um fast 50 Prozent abgenommen.

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