Corona-Lage

Deutschland verliert den Durchblick bei COVID-19

Das Wirrwarr an Corona-Regeln fordert Widerspruch heraus, KBV-Chef Gassen spricht von grobem Unfug bei den Grenzwerten und eine Virologin geht von 10.000 Neuinfektionen am Tag aus: Ein Blick in die Corona-Nachrichten vom Wochenende.

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KBV-Chef Gassen sieht trotz der steigenden Zahl von Neuinfektionen im Moment keine Überlastung des Gesundheitswesens.

KBV-Chef Gassen sieht trotz der steigenden Zahl von Neuinfektionen im Moment keine Überlastung des Gesundheitswesens.

© Tobias Schwarz/AFP Pool/dpa

Berlin. Beherbergungsverbote, Maskenpflicht in den Fußgängerzonen, Sperrstunden und Alkoholverbote kommen nicht überall gut an. Im Gegenteil: Die Verabredungen von Bund, Ländern und Gemeinden aus der vergangenen Woche haben über das Wochenende heftigen Gegenwind erhalten. Da Nordrhein-Westfalen, Berlin, Bremen und Thüringen das Beherbergungsverbot nicht umsetzen, ist die Verwirrung komplett. Der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerchts, Professor Hans-Jürgen Papier, hat die Verbote in der „Bild-Zeitung“ als verfassungsrechtlich hochproblematisch bezeichnet.

Reisen kein Pandemietreiber

Die Regelungswut der Länder sei kontraproduktiv und medizinisch nicht zu begründen, sagte der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. Andreas Gassen. Symptomfreie Reisewillige würden nun die anderswo dringender gebrauchten PCR-Tests anfordern. Das sei fast schon grober Unfug, sagte Gassen der Neuen Osnabrücker Zeitung.

Der SPD-Gesundheitspolitiker Professor Karl Lauterbach nannte die Regelung einen Fehler. „Keine Studie zeigt, dass das Reisen innerhalb Deutschlands ein Pandemietreiber ist“, sagte Lauterbach der „Süddeutschen Zeitung“. „Die Beherbergungsverbote sind blinder Aktionismus und bringen gar nichts“, sagte auch der gesundheitspolitische Sprecher der Fraktion der Linken, Achim Kessler am Samstag.

Gassen: „Schwellenwert anheben“

Gassen forderte zudem, die Reaktionsschwelle von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner anzuheben, weil die Lage gar nicht kritisch sei, sagte Gassen. Eine Überlastung des Gesundheitswesens habe es im Frühjahr nicht gegeben, und sie sei auch im Moment nicht abzusehen. Alleine auf die Zahl der Neuinfektionen zu starren wie das Kaninchen auf die Schlange führe zu falschem Alarmismus.

Selbst tausend Infektionen am Tag wären kein Drama, wenn nur einer von tausend schwer erkranke, wie dies im Moment beobachtet werde, sagte Gassen. Die 100.000 Praxen der niedergelassenen Ärzte seien mit 4000 Neuinfektionen am Tag nicht überlastet. Die zu beobachtenden Symptome der positiv getesteten Patienten seien eher leicht. Gassen verwies auf ein Instrument zur Risikoabschätzung, das das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung (ZI) entwickelt hat. Demzufolge könnte der Schwellenwert im Durchschnitt bei 84 liegen.

Spahns Plan soll greifen

Mediziner haben am Wochenende darauf gedrungen, intelligente Verlegungskonzepte zu entwickeln, um den regulären Klinikbetrieb durch eine möglicherweise steigende Zahlen von Corona-Patienten nicht zu beeinträchtigen. Anders als in der ersten Welle wolle man 60 bis 70 Prozent des Regelbetriebs in den Krankenhäusern aufrecht erhalten, sagte der Präsident des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten, Professor Götz Geldner der „FAZ“. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte Ende April einen Plan vorgelegt, nachdem 70 Prozent der OP-Kapazitäten für die Regelversorgung bereitstehen sollen.

Die Länder sollen zudem ihre Intensivkapazitäten regional umgruppieren, um Schwerpunkte sowohl in der COVID-19- als auch in der Regelversorgung bilden zu können. Hintergrund dieses Vorschlags sind Hinweise, dass während der ersten Welle schwer Erkrankte nicht gezielt genug auf Zentren mit der größten Behandlungskompetenz verteilt worden seien, sagten Intensivmediziner.

Nachverfolgung klemmt

Die Virologin Melanie Brinkmann, Professorin für Virologie an der TU Braunschweig, rechnet mit 10.000 Neuinfektionen am Tag bereits in Kürze. Ein Problem sei, dass die gemeldeten Zahlen der Realität stets hinterherhingen, sagte sie dem „Stern“. Die 4700 am Samstag gemeldeten Neuinfektionen seien bereits vor sieben bis zehn Tagen erfolgt. In Wahrheit seien wir auf der steigenden Kurve bereits weiter. Die Gesundheitsämter kämen mit der Kontaktnachverfolgung nicht mehr hinterher.

Dies bestätigen Alarmrufe aus Hessen und dem Südwesten. Stuttgart hat die kritische Marke von 50 Neu-Infektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen überschritten. Der Leiter des Gesundheitsamtes der Schwabenmetropole räumte gegenüber der „Tagesschau“ ein, dass das Gesundheitsamt alleine die Kontaktpersonennachverfolgung nicht mehr leisten könne. Dafür solle nun auch die gesamte Stadtverwaltung mobilisiert werden. Das grün geführte Rathaus kündigte zudem an, Personal auch von der Bundeswehr anzufordern. (af/dpa)

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