Transplantationsskandal

Die Affäre zieht weiter

Nach Göttingen kam Regensburg, dann München - und jetzt Leipzig. Die Affäre um Schummeleien bei Lebertransplantationen weitet sich aus. In Dutzenden Fällen sollen in Leipzig Laborwerte für die Wartelisten manipuliert worden sein.

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Links herum: Uniklinikum Leipzig.

Links herum: Uniklinikum Leipzig.

© dpa

NEU-ISENBURG/LEIPZIG. Das Jahr 2013 beginnt für die deutsche Transplantationsmedizin mit einer Hiobsbotschaft: An der Uniklinik Leipzig sind etliche Auffälligkeiten bei Lebertransplantationen aufgedeckt worden.

Der Klinikdirektor und zwei Oberärzte wurden suspendiert. Damit startet das neue Jahr, das zur Renaissance in der Organspende und der Organallokation werden sollte, ebenso skandalträchtig, wie das vergangene aufgehört hat.

Nach Göttingen, Regensburg und München nun Leipzig. Damit hat jedes elfte der 47 deutschen Transplantationszentren seinen eigenen Skandal – und das binnen eines halben Jahres.

Aufgedeckt wurden die jetzigen Verstöße an der Leipziger Chirurgischen Klinik II als Folge aus den Enthüllungen des vergangenen Jahres. Seit September nehmen die Prüf- und die Überwachungskommission von Bundesärztekammer, Kliniken und Krankenkassen jedes deutsche Transplantationszentrum unter die Lupe, begonnen mit den Lebertransplantationsprogrammen.

Auch die mutmaßlichen Manipulationen von Laborwerten für Leberwartelisten am Klinikum rechts der Isar in München kamen erst dadurch ans Tageslicht. Begonnen hatte die nunmehr bundesweite Affäre am Uniklinikum Göttingen.

Dort war im vergangenen Sommer bekannt geworden, dass der ehemalige Leiter der Transplantationschirurgie, Aiman O., jahrelang Laborwerte manipuliert und teils Hämodialysen erfunden haben soll, um Patienten auf der Eurotransplant-Warteliste für Leberspenden höher zu platzieren.

Die Rede ist von über 20 Fällen aus den Jahren 2010 und 2011. Kurz drauf geriet auch die Uniklinik Regensburg in den Strudel der Affäre, als dort rund 40 Fälle möglicher Manipulationen zugunsten eines besseren Wartelistenplatzes bekannt wurden.

Die Fälle fallen in die Zeit, in der der Göttinger Chirurg O. noch in Regensburg tätig war. In allen Fällen ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Und immer wieder taucht das gleiche Muster auf: manipulierte Laborwerte und erfundene Dialysen. Damit sollen die Patienten gegenüber Eurotransplant kränker dargestellt werden, als sie eigentlich sind.

Dialysen nur auf dem Zettel

Das Ziel: Ihr MELD-Score steigt und damit die Chance, schneller eine passende Spenderleber zu erhalten. Zur Erinnerung: Das Model for End-stage Liver Disease (MELD) stellt mittels Leber- und Blutwerten die Schwere der Lebererkrankung dar. Quick, Crea und Bilirubin (beide aus dem Serum) sind die ausschlaggebenden Werte. Je höher der Wert, desto eher benötigt der Patient eine neue Leber.

Auch in Leipzig soll nun Ähnliches geschehen sein. Hier ist die Rede von "erfundenen" Hämodialysen. Sollten sich die Vorwürfe erhärten, handelt es sich zunächst also um Dokumentenfälschung.

Das Uniklinikum Leipzig sprach am Dienstagabend von "Hinweisen auf Dokumentationsmängel und Regelverstöße". Für "eine erhebliche Zahl von Patienten, bei denen ein Nierenersatzverfahren an Eurotransplant gemeldet wurde", konnte damit "die tatsächliche Durchführung dieser Therapie von den verantwortlichen Transplantationschirurgen nicht nachgewiesen werden".

Offenbar wurden an Eurotransplant Dialysen gemeldet, die nie stattgefunden haben. Und das nicht wenig: Allein in den Jahren 2010 und 2011 sollen von 54 an Eurotransplant gemeldeten Dialyse-Patienten 37 nie eine Dialyse erhalten haben.

Auch im vergangenen Jahr soll immerhin bei einem Patienten eine Dialysebehandlung erfunden worden sein. 2012 wurden für insgesamt zehn Leipziger Patienten auf der Leberwarteliste Dialysebehandlungen vermerkt - eine deutlich geringere Quote als in den Vorjahren.

Die Prüfung der insgesamt 363 Patientenakten aus den Jahren 2007 bis 2011 dauert allerdings noch an. Auch die 59 Fälle bis Ende November 2012 werden untersucht.

In einer gemeinsamen Erklärung von Dienstagabend sprachen die Prüf- und die Überwachungskommission zunächst von "zahlreichen Fällen", in denen konkrete Hinweise auf "Unregelmäßigkeiten" vorlägen.

"Ausführliche Sonderprüfungen" sollen die Fälle nun genauer untersuchen. Die Uniklinik spricht allerdings bereits jetzt von "gesichert vorliegenden Untersuchungsergebnissen".

Aufgeflogen sind die Fälle im Dezember. Am 10. Dezember hatte die Uniklinik mit einer Stichprobenprüfung begonnen. Relativ schnell muss den internen Prüfern klar geworden sein, dass mit den Akten etwas nicht stimmt.

Bereits am 13. Dezember wurde die Innenrevision laut Uniklinik "durch vier erfahrene Fachärzte" verstärkt, "um die begonnene Einzelfallprüfung zu beschleunigen und auch die im Jahr 2012 transplantierten Patienten in die Prüfung einzubeziehen."

Altruismus? Prestige?

Die vier Ärzte sind quasi fachfremde Kollegen, da sie laut Uniklinik weder in der Transplantationschirurgie noch der Hepatologie arbeiten.

Für drei Ärzte der Chirurgischen Klinik II hatten die Unregelmäßigkeiten bereits Konsequenzen: Sowohl der Klinikdirektor, ein erfahrender Leberchirurg, als auch zwei Oberärzte wurden bereits Ende vergangener Woche mit sofortiger Wirkung von ihren Aufgaben in der Krankenversorgung entbunden.

Die Leitung des Transplantationsprogramms am Uniklinikum sei auf "einen sehr erfahrenen Oberarzt der Klinik übertragen" worden, hieß es am Dienstag.

Die Motive der erfundenen Dialysen in Leipzig liegen derweil völlig im Dunkeln. Zwar gehen die Ermittler zumindest in einigen Göttinger Fällen von krimineller Energie, etwa Vorteilsnahme, aus.

Doch mit manipulierten Laborwerten für Organwartelisten lässt sich nur schwerlich ein Extraobolus verdienen, der Anreiz ist verschwindend gering. Experten aus der Transplantationsmedizin verweisen daher auf naheliegendere Motive: Altruismus und Prestige.

Die Kollegen in der Transplantationsmedizin kämpfen mit jedem Tag gegen den Tod ihrer Patienten. Täglich sterben in Deutschland drei Menschen, während sie auf ein benötigtes Organ warten. Nicht wenigen Kollegen gehen die einzelnen Schicksale zu Herzen.

Die Versuchung, "alles für den Patienten zu machen", ist groß - in manchen Fällen womöglich sogar eine Dialyse ins Protokoll zu schreiben.

Auch Renommee ist ein nicht zu verachtender Faktor: In der Chirurgie, und gerade in der Transplantationsmedizin, kämpfen die Zentren um jeden Patienten und jedes transplantierte Organ. Hinzu kommt: Einrichtung und Betrieb der Zentren sind kostspielig, nur mit einer ausreichenden Anzahl von Eingriffen lassen sich die Kosten auch wieder einspielen.

Sinnbildlich für diese Herausforderungen ist auch das Statement der Uniklinik Leipzig von Anfang 2008, als der jetzt beurlaubte Klinikdirektor dort seinen neuen Job anfing: Er wolle die Klinik "zu einem der führenden Zentren der (...) Transplantationschirurgie Deutschlands" entwickeln. (nös/tt)

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