Leitartikel zur Schuldenkrise

Die Bürger werden krank gespart

Ob sie die Schulden in ihren Ländern nun mitverursacht haben oder nicht: Die Rechnung in Europas Krisenstaaten zahlen letztlich deren Bürger - manche mit ihrer Gesundheit. Für Griechen, Spanier und Portugiesen gilt das besonders.

Von Robert BublakRobert Bublak Veröffentlicht:
Patienten warten in einer Apotheke der National Organization for Healthcare Services Provision in Griechenland auf Arzneien.

Patienten warten in einer Apotheke der National Organization for Healthcare Services Provision in Griechenland auf Arzneien.

© Pantelis Saitas / epa / dpa

"Eine vernünftige Staatsverfassung muss das Recht des Einzelnen auf eine gesundheitsmäßige Existenz unzweifelhaft feststellen." Dieser Satz stammt von Rudolf Virchow, und als er ihn äußerte, war die europäische Schuldenkrise noch 160 Jahre entfernt.

An der Aktualität seines Diktums ändert das indes nichts, denn ob die gesundheitsmäßige Existenz für die Bürger der europäischen Schuldnerländer Portugal, Spanien und Griechenland noch ohne Weiteres gewährleistet ist, darf neuerdings bezweifelt werden - seit nämlich Forscher um Marina Karanikolos und Martin McKee von der London School of Hygiene & Tropical Medicine ihre Studie zu "Finanzkrise, Austerität und Gesundheit in Europa" im Fachjournal "Lancet" (online 27. März) veröffentlicht haben.

Laut Karanikolos und McKee wirkt sich die in diesen Ländern für den Schuldenausgleich gewählte Austeritätspolitik bereits kurzfristig auf die öffentliche Gesundheit aus, indem sie beispielsweise dazu führt, dass Patienten finanziell stärker an ihrer Behandlung beteiligt werden.

Der Zugang zu medizinischen Ressourcen wird erschwert, die finanzielle Last auf die Privathaushalte verlagert. Und Schutzmaßnahmen, Arbeitsmarktprogramme etwa, werden gekürzt.

All das bleibt nicht ohne Wirkung. EU-weit nehmen Suizide zu. In Griechenland lag die Suizidrate von Januar bis Mai 2011 um 40 Prozent über jener des gleichen Zeitraums im Vorjahr.

Ein Vergleich der Monatsprävalenz schwerer Depressionen in den Jahren 2008, also zu Beginn der Krise, und 2009 zeigte eine Verdoppelung der Rate. Kürzungen bei der Prävention haben zu einem Anstieg der HIV-Neuinfektionen bei Drogensüchtigen geführt.

Noch 2012 hatte die jährliche Rate bei 10 bis 15 Neuerkrankten gelegen. In den ersten acht Monaten des Jahres 2012 waren 314 neue HIV-Infektionen zu verzeichnen. Auch bei anderen Infektionskrankheiten, darunter Malaria, mehren sich die Anzeichen für eine Zunahme ...

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