Neurochirurg als US-Präsident?

Die komischen Ansichten von Dr. Carson

Die US-Gesundheitsreform hält er für "die schlimmste Sache seit der Sklaverei" und Frauen, die abtreiben, für "Sklavenhalter": Der Neurochirurg Dr. Ben Carson überholt Donald Trump in der republikanischen Wählergunst - mit irritierenden Botschaften.

Von Claudia Pieper Veröffentlicht:
Ben Carson: Der Neurochirurg will US-Präsident werden.

Ben Carson: Der Neurochirurg will US-Präsident werden.

© Boertman / dpa

WASHINGTON. Unter Medizinern ist Dr. Ben Carson schon lange bekannt. In Deutschland machte der bahnbrechende Neurochirurg in den achtziger Jahren Schlagzeilen, als er die am Kopf zusammengewachsenen Zwillinge Patrick und Benjamin Binder operativ trennte. Heute hat Carson andere Ambitionen: Er will Präsident werden.

Der Lebenslauf von Ben Carson ist inspirierend. Er wuchs im Armenghetto von Detroit auf und war anfangs schlecht in der Schule. Durch die alleinerziehende Mutter zum Lesen gezwungen und allmählich am Lernen interessiert, studierte Carson später an der renommierten Yale-Universität, machte seinen Medizinerabschluss und wurde Assistenzarzt für Neurochirurgie an der berühmten Johns Hopkins-Klinik in Baltimore. Dort ernannte man ihn 1984 mit nur 33 Jahren zum Leiter der Kinderneurochirurgie.

Hohe Auszeichnung

Im Lauf der Jahre trennten Carson und sein Team mehrere am Kopf zusammengewachsene Zwillinge, mit durchwachsenem Erfolg. An dem bahnbrechenden Charakter der Operationen besteht jedoch bis heute kein Zweifel.

Weiterhin perfektionierte Carson den neurochirurgischen Eingriff der Hemisphärektomie. Für medizinische und humanitäre Leistungen wurde ihm 2009 die Freiheitsmedaille des Präsidenten verliehen.

Im Jahr 2013 gab Carson seine medizinische Karriere auf, aber in den Ruhestand ging er nicht. Während einer Rede beim jährlichen National Prayer Breakfast nahm Carson im Februar 2013 Präsident Obama aufs Korn. Im Herbst 2013 nannte er die Gesundheitsreform "die schlimmste Sache seit der Sklaverei".

Das machte den Chirurgen sofort zum Liebling der politischen Konservativen. Vom rechten Fernsehsender Fox News wurde er als Kommentator eingesetzt, und es regnete Rednerangebote. Von Unterstützern ermutigt, begab er sich im Mai 2015 in das breite Feld der republikanischen Bewerber für die Präsidentschaftsnominierung.

Hier hält er sich seitdem nicht nur erstaunlich gut, sondern ist sogar Ende Oktober zur allgemeinen Überraschung an dem monatelang dominierenden Milliardär Donald Trump vorbeigezogen.

Donald Trump ist irritiert

Was macht den politischen Außenseiter Carson bei republikanischen Wählern so beliebt? Hier kratzt sich nicht nur Konkurrent Trump am Kopf, der ob der Nachricht, dass er gerade den Spitzenplatz an Carson abgegeben hatte, nur sagen konnte: "Das kapier‘ ich nicht."

In liberalen Kreisen ist man ebenfalls ratlos. Der Presse gibt Carson nämlich regelmäßig Munition durch ungewöhnliche Vergleiche. Um seine Gegnerschaft zur Waffenkontrolle zu bekunden, meinte er zum Beispiel im Oktober, dass der Holocaust hätte verhindert oder vermindert werden können, wenn Deutsche (oder Juden) Zugang zu Waffen gehabt hätten.

Auch von seinen negativen Ansichten zur Abtreibung macht Carson keine Mördergrube: Frauen, die abtreiben, verglich er Ende Oktober mit Sklavenhaltern. Vergewaltigung und Inzest sind seiner Meinung nach kein legitimer Grund zur Abtreibung.

"Ich bin nicht dafür, ein Baby zu töten, nur weil das Baby auf diese Weise gezeugt worden ist", sagte Carson am 25. Oktober zu NBC's "Meet the Press".

Klimawandel? Gibt es nicht!

An einen von Menschen verursachten Klimawandel glaubt Carson nicht. Er macht keinen Hehl daraus, dass die Bibel sein Weltbild bestimmt. Auf dem biblischen Konzept des "Zehnten" beruht zum Beispiel sein Plan, das Steuersystem zu reformieren: Ihm schwebt ein einheitlicher Steuersatz von zehn Prozent vor. Eine progressive Besteuerung verurteilte er in der ersten republikanischen Fernsehdebatte im September als "Sozialismus".

Mit der Realität, dass sein Steuerplan nur etwa ein Drittel des derzeitigen Steueraufkommens einfahren würde, wird sich Carson noch auseinandersetzen müssen. Äußerungen, wie zum Beispiel, dass die Sozialprogramme Medicare und Medicaid abgeschafft werden sollten, hat er inzwischen revidiert oder ganz zurückgenommen.

Er weigere sich, "politisch korrekt" zu sein, hat er wiederholt betont. Die politische Außenseiterrolle kommt ihm, wie auch Trump, derzeit zugute, weil ein Gutteil der republikanischen Wähler das politische Establishment satt hat.Als Präsident müsse er nicht Teil dieses Establishments sein, sagt Carson.

Ruhige, freundliche Art

Dem Argument, dass es ihm an politischer Erfahrung aller Art fehle, ist er kürzlich mit den Worten begegnet: "Man muss es verstehen, sich mit vertrauenswürdigen Leuten zu umgeben, die die völlige Korruption des (politischen) Systems, wie es heute existiert, durchschauen."

Die ruhige, in der Regel freundliche Art, mit der Carson seine Meinungen vertritt, unterscheidet ihn von seinem Konkurrenten Trump. Der nannte Carson einen Langweiler mit "super-wenig Energie". Darauf entgegnete Carson mit einem Beispiel aus seinen Chirurgie-Tagen. "Ich habe oft 12, 15, 20 Stunden lang operiert.

Dazu braucht man eine Menge Energie." Und mit einem Seitenhieb gegen Trump ergänzte er: "Das erfordert nicht, dass man hoch und runter springt und herumschreit, sondern dass man sich stark konzentriert."

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