Kassenüberschüsse

Eine Folge staatlicher Fehlplanung?

Spätestens in drei Jahren wird die GKV wieder Defizite haben. Davon geht der Gesundheitsökonom Professor Günter Neubauer aus. Für die Zeit nach der nächsten Bundestagswahl prognostiziert er eine Annäherung von EBM und GOÄ.

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Professor Neubauer (Archivbild): Überschüsse der Kassen sind nicht erwirtschaftet.

Professor Neubauer (Archivbild): Überschüsse der Kassen sind nicht erwirtschaftet.

© sbra

NÜRNBERG (sto). Ungeachtet der aktuellen Milliardenüberschüsse in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) geht die Schere zwischen dem Bedarf der Bevölkerung und den finanziellen Ressourcen immer weiter auf, so der Gesundheitsökonom Professor Günter Neubauer.

Die Überschüsse seien nicht "erwirtschaftet", sondern das Ergebnis staatlicher Fehlplanung und Überregulierung. Spätestens in drei Jahren müsse wieder mit Defiziten gerechnet werden.

Denn ein Problem der GKV sei, dass die Finanzierung auf Einkommen bis zur Beitragsbemessungsgrenze von 3825 Euro basiert, erklärte Neubauer bei einer Informationsveranstaltung von Medi Bayern in Nürnberg.

"Die Einkommenszuwächse finden aber oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze statt", sagte Neubauer. Deshalb richte sich der Blick der Politik jetzt auf die Private Krankenversicherung.

"Alle großen Parteien sind derzeit auf dem Trip, wenigstens die Vergütungen in der GKV und in der PKV einander anzupassen, um so den Vorwürfen zu begegnen, privat Versicherte würden wegen der besseren Honorierung bevorzugt behandelt", berichtete Neubauer.

Die nächste Reform nach der Bundestagswahl könnte daher eine Konvergenz von EBM und GOÄ bringen. Bei gleichen Leistungsbeschreibungen seien unterschiedliche Preise dann nicht mehr vertretbar.

Chancen für Selektivverträge

Die GOÄ sei dann nur noch interessant, wenn sie zusätzliche Wahlleistungen ermöglicht und so den Unterschied zwischen einer ausreichenden und einer guten Versorgung markiere.

Konsequenz dieser Entwicklung, so Neubauer: "Wer heute viele Privatpatienten hat, kann sich schon jetzt darauf einstellen, dass es nicht besser wird."

An einer prozentualen Beteiligung der Patienten an den Behandlungskosten werde man auf Dauer nicht herumkommen. Damit öffne sich der Weg zur Kostenerstattung, die aber nur funktioniere, wenn es feste Preise gibt, meinte Neubauer.

Die immer wieder geforderte Abschaffung der Praxisgebühr wäre daher "ein falsches Signal". Die Patienten müssten am System beteiligt werden.

Die Praxisgebühr sollte jedoch so ausgestaltet werden, dass sie auch tatsächlich steuernd wirkt, forderte Neubauer.

Die ärztliche Vergütung werde auch in Zukunft aus einem Mix von Pauschalen und Einzelleistungen bestehen, prognostizierte Neubauer.

Fachärzte ohne Primärkontakt werden demnach vor allem über diagnosebezogene Leistungskomplexe, die spezialfachärztliche Versorgung über eine DRG-orientierte Fallvergütung und Ärzte in Kooperationen über eigene Budgets abrechnen. Selektive Verträge werden weiter an Bedeutung gewinnen, erklärte Neubauer.

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