"Mythos Budgetferien"

Ende des Quartals steppt der Bär in Praxen

Lähmende Stille legt sich zum Ende des Quartals über die ambulanten Praxen? Dass dies wenig mit der Realität zu tun hat, lassen Zahlen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung erkennen.

Von Dr. Florian Staeck Veröffentlicht: 30.01.2018, 06:21 Uhr
Ende des Quartals steppt der Bär in Praxen

Wie viel Budget steckt in den einzelnen Quartalen des Jahres? "Budgetferien" scheinen ein Mythos zu sein, sagt eine Untersuchung des Zi.

© ThitareeSarmkasat / Getty Images / iStock

BERLIN. Am Quartalsende ab in den Budgeturlaub? Diese oft wiederholte Behauptung spiegelt sich nicht in Zahlen wieder, die das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) am Montag vorgestellt hat. Dafür haben die Forscher 677 Millionen Arzneimittelverordnungen des Jahres 2015 berücksichtigt. Dabei konnten sie auf die taggenauen Verordnungsdaten zurückgreifen.

Gesetzlich versicherte Patienten, die Arzneimittel benötigen, bekamen demnach monatlich etwa 1,7 Arzneimittel verordnet, berichtet das Zi.

Anders als von den Vertretern der These von den "Budgetferien" angenommen, sanken jedoch die Verordnungen in den mittleren Monaten eines jeden Quartals – also Februar, Mai und August. Hingegen stieg die Zahl der Verordnungen zum Quartalsende in den Monaten März, Juni und September wieder.

Dass die Verordnungen am Ende des vierten Quartals zurückgehen, dürfte mit den tatsächlichen Weihnachtsferien, weniger aber mit "Budgetferien" zu tun haben.

Behandlung auch am Quartalsende

Das Quartalsende, so das Fazit, dämpft nicht die Bereitschaft der Ärzte, sich um ihre Patienten zu kümmern. Die Wellenbewegungen bei den Verordnungen seien saisonal begründet und hätten mit den jeweiligen Feiertagen und Ferienzeiten zu tun.

Zu völlig anderen Ergebnissen und Schlussfolgerungen sind dagegen Forscher des Wissenschaftlichen Instituts der Techniker Kasse gekommen. Auf Basis von TK-Daten hatten die Wissenschaftler die Zahl der Behandlungsfälle in den letzten 14 Tagen eines Quartals, in den zwei Wochen davor und in den ersten beiden Wochen des neuen Quartals ermittelt. Nach eigenen Angaben berücksichtigten sie dabei auch, ob es sich bei den neuen Behandlungsfällen um Leistungen handelt, die den Ärzten über das RLV oder als extrabudgetäre Leistung honoriert werden.

Bei Hausärzten sank den TK-Angaben zu Folge demnach die Zahl neuer Behandlungsfälle in den letzten zwei Quartalswochen um 8,7 Prozent; die Zurückhaltung beginnt aber schon in den ersten beiden Wochen des letzten Quartalsmonats. Hier nahmen die neuen Behandlungsfälle um 5,1 Prozent ab.

Nicht in das Argumentationsschema passte dabei, dass auch die Zahl extrabudgetärer Leistungen –  für die es ja angesichts der vermeintlichen "Budgetferien" einen besonderen Anreiz geben sollte, auch um 10,7 Prozent zurückgegangen ist.

Die Hamburger Studie war nach ihrer Veröffentlichung auf vielfältige Kritik gestoßen. Einerseits hieß es, die Zahlen zeigten lediglich das seit Jahren eingeübte zyklische Verhalten der GKV-Versicherten im Verlauf eines Quartals. Andererseits verteidigten Ärzte-Vertreter die vermeintlichen "Budgetferien" als Anpassung an eine unterfinanzierte ambulante Versorgung.

Einfluss nahmen die TK-Autoren allerdings auf die Sondierungs- und nun auch die Koalitionsgespräche von SPD und Union. Da eine Bürgerversicherung auch aus SPD-Sicht nicht mehrheitsfähig ist, konzentriert sich die Debatte nun auf eine Konvergenz der Vergütungssysteme von EBM und GOÄ.

Unionspolitiker wie Fraktionschef Volker Kauder (CDU) brachten dabei Honorarerhöhungen für Ärzte bei der Behandlung von GKV-Versicherten ins Gespräch.

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