Berufspolitik

Fehlzeiten von Arbeitnehmern sorgen für Verwirrung

Die Meldung passte zur Krise: Immer weniger Deutsche melden sich am Arbeitsplatz krank. Doch stimmt das auch?

Von Volker Rothfuss Veröffentlicht:
Laut Kassen gibt es wieder mehr Krankmeldungen.

Laut Kassen gibt es wieder mehr Krankmeldungen.

© Foto: Leitnerwww.fotolia.de

BERLIN. "Der Krankenstand in Deutschland ist so niedrig wie nie seit 1970", schrieb die "Tageszeitung" aus Berlin (taz) und hatte sich dabei der Zahlen der AU-Statistik bedient, die monatlich vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) veröffentlicht werden. Auch andere Zeitungen wie die "BILD" berichteten vom "Krankenstand auf Rekordtief", nachdem die Deutsche Presseagentur über die BMG-Zahlen eine gleichlautende Meldung an die Redaktionen herausgegeben hatte. Aus Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, würden immer mehr Beschäftigte trotz Krankheit am Arbeitsplatz erscheinen, hieß es in den Gazetten.

Doch stimmt das auch? Nein, die angeblich sinkenden Ausfalltage der Beschäftigten sind ein statistischer Unfall, in Wirklichkeit nimmt der Krankenstand in Deutschland seit geraumer Zeit zu - auch 2009. Kaum war die frohe Botschaft verkündet, nahmen die Ministerialen des BMG die fragliche Meldung wieder von der Homepage und leisteten Abbitte mit der Zeile "Krankenstand - bitte keine falschen Schlüsse ziehen".

Das BMG lässt von den 187 gesetzlichen Krankenkassen am Ersten eines Monats eine Stichprobe ziehen, daraus wiederum zieht manch einer Schlüsse, aber eben die falschen. Aus einer Stichprobe lässt sich beim besten Willen kein bundesweiter Krankenstand ableiten. Ein Problem ist dabei der Stichtag. Erfahrungsgemäß gibt es Tage, an denen die AU-Rate normalerweise sinkt. Dazu zählen Feiertage oder Sonntage, die für die BMG-Statistik zur Wertermittlung keineswegs ausgeklammert werden. Dagegen bleiben diejenigen Beschäftigten, die unter der Woche krankheitshalber fehlen, bei der Methode außen vor. Deshalb musste das BMG den Statistik-Alarm geben.

Denn in Wahrheit steigen die AU-Tage: Christine Göpner-Reinecke vom AOK-Bundesverband weist darauf hin, dass der historische Tiefstand 2006 erreicht wurde. Seither steigen die Krankmeldungen wieder leicht. Auch Susanne Wilhelmi vom BKK-Bundesverband in Essen meldet für die über zehn Millionen Arbeitnehmer mit einer BKK-Versichertenkarte: "Seit 2007 steigen die Fehlzeiten leicht." Das Gleiche berichtet Bettina Carlucci von den Innungskrankenkassen in Baden-Württemberg und Hessen: "Der Krankenstand steigt 2009 wie schon im Vorjahr wieder leicht."

In den ersten fünf Monaten im laufenden Jahr 2009 betrugen die Fehlzeiten wegen Krankheit bei den BKK-Versicherten 4,32 Prozent. Im Vergleichszeitraum 2008 waren es noch 4,09 Prozent, 2007 lediglich 3,97 Prozent. Was also ist richtig an der Statistik-Verwirrung? Wohl die Vermutung, dass immer mehr Beschäftigte trotz Krankheit am Arbeitsplatz erscheinen. Aus Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Der Krise wegen.

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