7. Jahrestag des Atomunfalls

Fukushimas erdrückende Krebsbilanz

Die Ärztevereinigung IPPNW schlägt angesichts des siebten Jahrestages der Havarie des Meilers Fukushima Daiichi Alarm. Sie sieht massive Defizite bei der onkologischen Diagnostik und Therapie der jüngeren Katastrophenopfer.

Matthias WallenfelsVon Matthias Wallenfels Veröffentlicht:
Die Stilllegungsarbeiten am havarierten Meiler Fukushima Daiichi gehen unverändert weiter.

Die Stilllegungsarbeiten am havarierten Meiler Fukushima Daiichi gehen unverändert weiter.

© Hiroto Sekiguchi/dpa/AP Images

BERLIN/FUKUSHIMA. In Japan setzt die Regierung große Hoffnung auf die Sommer-Olympiade 2020 in Tokio. Diese sollen dem Land neuen wirtschaftlichen Schub geben – als Ergänzung zu der nach Premierminister Shinzo Abe benannten, international umstrittenen Wirtschaftspolitik der Abenomics – sowie mehr Touristen ins Land bringen.

Wird die Kapitale bis 2020 erwartungsgemäß fertig sein mit dem Aufrüsten für die Olympiade, so kann die nordöstliche Präfektur Fukushima Tokio hier noch einen Strich durch die Rechnung machen.

Denn: Auch sieben Jahre nach der durch ein Mega-Beben und anschließendem Tsunami verursachten Havarie des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi vom 11. März 2011 hat Japan die gesundheitlichen Folgen der überlebenden Katastrophenopfer sowie derer Nachfahren anscheinend nicht im Griff.

Wie die Medizinervereinigung Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) anlässlich des Jahrestages am 11. März hinweist, würden die gesundheitlichen Folgen für die Menschen in den verstrahlten Gebieten immer deutlicher – wie auch die Versorgungsdefizite.

Klare Absage an Screening-Effekt

Seit dem Jahr 2011 stellt die Fukushima Medical University (FMU) in Reihenuntersuchungen bei 194 Kindern in der Feinnadelbiopsie Krebszellen fest, so der Kinderarzt und IPPNW-Vorsitzende Dr. Alex Rosen. 159 von ihnen mussten demnach aufgrund eines rasanten Tumorwachstums, einer ausgeprägten Metastasierung oder einer Gefährdung vitaler Organe mittlerweile operiert werden.

In 158 Fällen habe sich die Verdachtsdiagnose Schilddrüsenkrebs bestätigt, in nur einem Fall habe ein gutartiger Tumor vorgelegen. 35 Kinder warten laut Rosen weiterhin auf eine Op.

"Besorgniserregend ist vor allem die Tatsache, dass zwischen Erst- und Zweituntersuchung, also in einem Zeitraum von nur zwei Jahren, 50 neue Krebsfälle detektiert wurden. Bei einer bislang untersuchten Bevölkerung von rund 270.000 Kindern entspricht dies einer Neuerkrankungsrate von etwa neun Fällen pro 100.000 Kindern pro Jahr" verdeutlicht Rosen.

Noch stünden rund 30 Prozent aller Ergebnisse aus. Sollte sich dieser Trend jedoch bestätigen, warnt Rosen, würde dies einem rund 26-fachen Anstieg der Neuerkrankungsrate entsprechen. Dieses Ergebnis lasse sich aufgrund der eindeutigen Voruntersuchungen aller Patienten nicht durch einen Screening-Effekt erklären oder relativieren, ergänzt er. Hintergrund ist die erbitterte Debatte um das Screening. Sehen Atomkritiker einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Meilerhavarie und Krebserkrankung, so sind für Gegner dieser These für die erhöhte Krebsrate die flächendeckenden Untersuchungen und sensiblere Geräte verantwortlich.

Wie IPPNW ergänzt, zeige sich mittlerweile eine geographische Verteilung der Schilddrüsenkrebsfälle in Fukushima – mit den höchsten Neuerkrankungsraten in den Regionen, die 2011 am stärksten radioaktiv verstrahlt wurden.

Jeder zehnte Patient mit Rezidiven

Laut einer Studie der japanischen Stiftung für Kinder mit Schilddrüsenkrebs hatten zudem bereits knapp zehn Prozent der operierten Schilddrüsenkrebs-Patienten Rezidive.

Rosen übt des Weiteren harsche Kritik an den aktuellen Bestrebungen in Japan, die Schilddrüsenuntersuchungen zu reduzieren und eventuell ganz einzustellen. So sollten die Untersuchungsintervalle entgegen den ursprünglichen Plänen und Ankündigungen ab dem 25. Lebensjahr von zwei auf fünf Jahre ausgeweitet werden.

Zudem sei bekannt geworden, dass Mitarbeiter der Fukushima Medical University Schulen besuchten, um dort Kinder über deren "Recht auf Nichtteilnahme" und "Recht auf Nichtwissen" aufzuklären. "Es wird neben Schilddrüsenkrebs auch mit einem Anstieg weiterer Krebsarten und anderer Erkrankungen gerechnet, die durch ionisierte Strahlung ausgelöst oder negativ beeinflusst werden", prognostiziert Rosen.

Die Schilddrüsenuntersuchungen der FMU stellten die einzigen wissenschaftlichen Reihenuntersuchungen dar, die überhaupt relevante Aufschlüsse über die gesundheitlichen Folgen der Atomkatastrophe von Fukushima liefern könnten. "Und sie laufen derzeit Gefahr, von den Befürwortern der Atomenergie in Japan unterminiert zu werden", moniert der IPPNW-Vorsitzende.

Laut einem kürzlich veröffentlichten Report der Umweltschutzorganisation Greenpeace liegt die Strahlenbelastung in einigen umliegenden Gegenden des havarierten Meilers nach einer eigenen Untersuchung bis zum Hundertfachen über den international für die Bevölkerung geltenden Grenzwerten. Das treffe zum Beispiel auf die Kommunen Iitate und Namie zu.

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