Herdenimmunität nicht erreichbar?

Gassen: „Vollständigen Corona-Schutz wird es nicht geben“

Kassenärzte sehen keinen Grund, politische Entscheidungen zu Corona von extrem hohen Impfquoten abhängig zu machen. Eine Überlastung des Gesundheitswesens werde es nicht mehr geben. Eine andere Botschaft sei wichtiger.

Von Anno Fricke Veröffentlicht:
Eine Schülerin am 12. Juli in München vor der Corona-Impfung.

Eine Schülerin im Impfzentrum München Messe Riem vor der Corona-Impfung.

© Sven Simon / picture alliance

Berlin. Vertreter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung haben die Politik vor einer Fokussierung auf die Herdenimmunität in der Corona-Pandemie gewarnt. „Dieses Konzept muss in Frage gestellt werden“, sagte KBV-Chef Dr. Andreas Gassen am Donnerstag bei einer virtuellen Pressekonferenz.

Eine Herdenimmunität sei nicht zu erreichen. „Selbst wenn 100 Prozent der Menschen in Deutschland geimpft seien, wird es keinen vollständigen Infektionsschutz geben“, sagte Gassen. Die Wirksamkeit der Impfung gegen die Infektiosität der derzeit dominierenden Delta-Variante betrage 64 Prozent. „Die Botschaft lautet: Impfung schützt vor schwerer Krankheit und Tod“, sagte KBV-Vize Dr. Stephan Hofmeister.

KBV: Quote nicht erreichbar

Die KBV-Vorstände reagierten auf Äußerungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nach einem Besuch beim Robert-Koch-Institut. Merkel hatte im Anschluss gesagt, 85 Prozent der 12- bis 60-Jährigen und 90 Prozent der über 60-Jährigen müssten sich impfen lassen, um die Delta-Variante in Schach zu halten.

Gassen bezeichnete diese Äußerung als „nicht zielführend“. Eine Gruppe aus 12- bis 60-Jährigen zu bilden, missachte die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den tatsächlichen Risiken in den verschiedenen Altersgruppen. Solche Ziele könnten daher kein Maßstab sein für Einschränkungen des Alltags.

Im September spätestens werde jeder ein Impfangebot erhalten haben, ergänzte Hofmeister. „Dann müssen alle Einschränkungen fallen.“ Eine Überlastung des Gesundheitswesens sei nicht mehr zu erwarten und werde auch nicht mehr stattfinden, sagten die KBV-Spitzen.

Forderungen der Kassenärzte

Für die Corona-Impfkampage stellte die KBV fünf Forderungen auf:

Die Belieferung mit Vials sorge dafür, dass Ausschuss entstehe. Mittelfristig sei eine Belieferung mit Einzeldosen hilfreich. Das würde auch die Ansprache von bislang Ungeimpften in Praxen erleichtern.

1,5 bis zwei Millionen Dosen Vaxzevria® liegen nach KBV-Schätzungen „ungenutzt in den Schränken“. Das Produkt werde praktisch nicht mehr bestellt. Das Verfallsdatum liege in etwa bei Mitte August. Selbst Kombi-Impfung werde kaum nachgefragt. Der Großhandel könne keine Dosen zurücknehmen. Die Kostenfrage bleibe ungeklärt.

Auffrischungsimpfungen gezielt auf sehr alte Menschen und Menschen mit Immundefiziten konzentrieren. Auffrischungsimpfungen für alle seien im Moment medizinisch nicht erforderlich.

Impfungen von Kindern im Alter unter 16 Jahre sollten nicht aktiv beworben werden. Es gebe keine Daten für erhöhte Risiken durch SARS-CoV-2 für diese Altersgruppe. Das Risiko für Angehörige dieser Altersgruppe liege aber rechnerisch 2000-fach niedriger als das eines 59-Jährigen. Die Kinder sollten daher nicht in Haft dafür genommen werden, um im Herbst die Schulen öffnen zu können, sagt KBV-Chef Gassen. Die Politik solle sich an dieser Stelle heraushalten und diese Fragen den Fachleuten überlassen, betonten die Vorstände der KBV.

Statt „lustiger“ Ideen, wo überall geimpft werden könnte, sollte sich die Impfkampagne ganz gezielt auf schwer zu erreichende Bevölkerungsgruppen konzentrieren. Es sei irritierend, dass es Impfungen vor der Disko geben solle, wo fraglich sei, wie der hohe Aufwand an Dokumentation geleistet werden solle. Den Praxen und ihrem Personal werde allerdings hoher Aufwand abverlangt, auch was die Beratung angehe.

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