Arzneimittelpolitik

Geriater kritisieren Arzneimittelliste

WIESBADEN (ner). Listen mit für alte Menschen ungeeigneten Arzneimitteln seien für die Praxis wenig hilfreich, kritisiert der Geriater Professor Heiner Berthold. Statt ungeeignete Medikamente zu definieren, solle man für bestimmte Mittel ungeeignete Patienten identifizieren.

Veröffentlicht: 17.10.2010, 13:31 Uhr
Geriater kritisieren Arzneimittelliste

Arzneien für ältere Patienten: Geriater halten Ausschlusslisten für wenig praxisgeeignet.

© INSADCO / imago

"Wir Geriater stehen der Priscus-Liste sehr kritisch gegenüber", sagte der Experte von der Forschungsgruppe Geriatrie an der Charité Berlin. Die Priscus-Liste zählt 83 Substanzen auf, die für alte Patienten eher ungünstig sind. Diese und ähnliche Aufzählungen seien "Schwarz-Weiß-Listen", so Berthold beim Herbstsymposium der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) in Wiesbaden.

Ob solche Listen etwas bringen oder nicht, sollte in prospektiven Studien geprüft werden. Positivlisten mit für alte Patienten geeigneten Medikamenten seien besser geeignet. Das Problem der Multimorbidität und Multimedikation müsse von der Patientenseite her angegangen werden.

Der Geriater verwies auf die Berliner Altersstudie wonach das biologische Alter sehr heterogen ausfällt. Es gibt den vergleichsweise jungen, aber vorgealterten Patienten ebenso wie die fitten Alten.

"Wir Geriater empfehlen, sich verstärkt mit dem geriatrischen Assessment der Patienten zu befassen", sagte Berthold. Dazu gehörten außer medizinischen Aspekten auch die Mobilität, der Ernährungsstatus, die soziale Situation oder die kognitive Leistungsfähigkeit.

"Wenn wir uns zu sehr mit dem Arzneimittel befassen, denken wir immer nur an die chemische Funktion. Ein Arzneimittel muss erstmal an den Wirkort gelangen. Dazu sollte der Patient das Medikament zunächst aus der Blisterpackung heraus bekommen."

Kognitive Beeinträchtigungen schränken nach Bertholds Aussagen sehr häufig die Compliance stark ein. Bei mindestens jedem vierten über 90-Jährigen müsse mit Demenzerkrankungen gerechnet werden.

Des Weiteren fehle es an Leitlinien für die Arzneimitteltherapie im Alter. Hier bedürfe es verstärkter Forschungsanstrengungen, die der Komplexität der Thematik gerecht würden. Es sei Zeit, dass sich die Fachgesellschaften zusammensetzten und solche Leitlinien erstellten, so Berthold.

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