Hausarztpraxis ist für Studenten keine Option

Hausarzt werden? Für viele Studierenden ist das gar kein Thema. Vielmehr lockt die Klinik oder eine Anstellung im MVZ. Ganz besonders schaut der Nachwuchs aber auf das künftige Einkommen.

Von Sunna Gieseke Veröffentlicht:

BERLIN. Viele junge Menschen wollen den Beruf des Arztes ergreifen: Auf jeden der 10 000 freien Medizinstudienplätze in Deutschland haben sich im vergangenen Jahr bis zu vier Abiturienten beworben. Dennoch macht sich die Ärzteschaft Sorgen um den Nachwuchs. Bis zum Jahr 2020 müssen nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und Bundesärztekammer 23 768 Hausärzte ersetzt werden (wir berichteten).

Die Nachwuchsmediziner sollten demnach besonders motiviert werden, sich - aufgrund des drohenden Hausärztemangels - als Allgemeinmediziner niederzulassen. Doch gerade daran haben die Studierenden wenig Interesse. Das zeigt eine Befragung von KBV, Medizinischer Fakultätentag und der Universität Trier unter mehr als 12 000 Medizinstudenten. "Die jungen angehenden Ärzte wissen, dass ihre Arbeit gefragt ist", sagte KBV-Vize Dr. Carl-Heinz Müller bei der Vorstellung der Umfrageergebnisse in Berlin. Sie hätten das Privileg, sich später aussuchen zu können, ob sie in Klinik oder Praxis arbeiteten. Doch die Umfrage zeigt: Das Interesse der Studenten, sich mit als Hausarzt niederzulassen, sinkt noch im Laufe des Studiums. Zu Beginn können es sich 41 Prozent vorstellen, im Praktischen Jahr (PJ) noch lediglich 35 Prozent. 54 Prozent lehnen zudem eine Arbeit in kleinen Kommunen ab. Dagegen wächst aber das Interesse der Studierenden als Arzt in einem MVZ zu arbeiten (Vorklinik: 48 Prozent, PJ: 61 Prozent).

"Die Mediziner von morgen müssen bereits sehr frühzeitig an die Allgemeinmedizin herangeführt werden", forderte Müller. Dazu müsse die Allgemeinmedizin allerdings im Studium aufgewertet werden. Darüber hinaus sollten niedergelassene Hausärzte bereits frühzeitig Kontakt zu Studierenden aufnehmen, inklusive der Möglichkeit von Praktika während des Studiums. Aber auch andere Hindernisse bei der Niederlassung müssten beseitigt werden, so der KVB-Vize. Den Ergebnissen zufolge kritisieren die Studierenden vor allem das finanzielle Risiko (63 Prozent), die hohe Bürokratie (58 Prozent), die aus ihrer Sicht unangemessen niedrige Honorierung (53 Prozent) und die drohenden Regressforderungen (50 Prozent). Die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf sehen nur 31 Prozent der Studenten als Hinderungsgrund für eine Niederlassung.

Die Ergebnisse belegen darüber hinaus, dass auch die Honorierung der Leistungen den Studierenden sehr wichtig ist. Medizinstudenten erwarten im Schnitt ein späteres Nettoeinkommen von rund 4350 Euro im Monat als angestellter Arzt. Ein niedergelassener Arzt in der Stadt sollte nach den Erwartungen der Studenten im Schnitt 5450 Euro netto verdienen, einer auf dem Land 5390 Euro. "Mit der heute gezahlten Vergütung werden diese Erwartungen aber nicht erfüllt", so Müller.Medizinstudenten wurden im Sommersemester 2010 schriftlich 30 Fragen gestellt. 64 Prozent der Befragten waren weiblich, 36 Prozent männlich. Die Befragung soll in zwei Jahren wiederholt werden.

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