Pflegeversicherung

Heimkosten überfordern viele Haushalte

Die Kosten eines Heim-Aufenthalts überfordern viele Versicherte. Doch die Datenlage ist unbefriedigend. Wissenschaftler des IW-Instituts haben zu ermitteln versucht, wie viele Haushalte von finanzieller Überforderung bedroht wären.

Von Florian StaeckFlorian Staeck Veröffentlicht: 11.09.2020, 17:58 Uhr
Für wie lange reicht das Ersparte und die Rente im Fall der Pflegebedürftigkeit? Dieser Frage ist das IW-Institut nachgegangen.

Für wie lange reicht das Ersparte und die Rente im Fall der Pflegebedürftigkeit? Dieser Frage ist das IW-Institut nachgegangen.

© Lightstar59 / iStock / Thinkstock

Köln. Pflegebedürftigkeit, die zur stationären Pflege in einem Heim führt, kann eine Armutsfalle sein – ist es in vielen Fällen aber auch wieder nicht.

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ist der Frage nachgegangen, wie groß der Kreis der Menschen ist, die im Falle eines längeren Aufenthalts im Pflegeheim finanziell überfordert wären. Denn bisher gebe es wenige belastbare Daten dazu.

Zurückgegriffen hat das IW dafür auf Daten aus Haushaltsbefragungen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP). Demnach könnten rund 59 Prozent aller Haushalte ein Jahr stationäre Pflege finanzieren. 41 Prozent der Haushalte könnten dies sogar bis zu fünf Jahre lang (siehe nachfolgende Grafik).

Eigenanteil beträgt im Bundesschnitt 1691 Euro pro Monat

Im Jahr 2017 lagen die durchschnittlich selbst zu tragenden Kosten für einen Pflegeheimaufenthalt bei 1691 Euro monatlich. Allerdings variieren die Eigenanteile je nach Bundesland teils erheblich, so das nach IW-Angaben die Kosten für manche Regionen überschätzt, für andere wiederum unterschätzt sein dürften. Die Analyse, räumt das Institut ein, könne daher nur „grobe Orientierungswerte“ wiedergeben.

Die durchschnittlichen Eigenanteile addieren sich nach zwei Jahren auf 40.584 Euro pro Person und nach fünf Jahren auf 101.460 Euro. Nach Angaben der Autoren ist es möglich, mit Hilfe der SOEP-Daten von der Stichprobe auf die Gesamtheit der deutschen Haushalte hochzurechnen.

In der Studie werden verschiedene Haushaltstypen unterschieden – zum Beispiel nach Altersgruppen, da die Haushalte altersabhängig unterschiedlich stark vom Risiko der Pflegebedürftigkeit betroffen sind.

Bei den 40- bis 65-Jährigen, die erwerbstätig sind und bei denen nicht schon ein Pflegebedürftiger im Haushalt lebt, können sich 35 Prozent der Haushalte ein Jahr im Heim nicht leisten. Bei drei Jahren Pflegeheimaufenthalt wären es 46,1 Prozent, bei fünf Jahren bereits 53,6 Prozent, die finanziell überfordert wären und „Hilfe zur Pflege“ – also Sozialhilfe – beantragen müssten.

Jeder dritte Rentnerhaushalt ist nach einem Jahr überfordert

Besonders interessant sind „Rentnerhaushalte“ über 65 Jahren, in denen nicht bereits ein weiteres Mitglied pflegebedürftig ist. Denn dort lässt sich – anders als bei anderen Haushaltsgruppen – nicht nur das Vermögen, sondern auch das Einkommen für die Deckung stationärer Pflegekosten berücksichtigen, da hier Pflegebedürftigkeit nicht mit einem Einkommensverlust aus Erwerbstätigkeit verbunden ist: 33,5 Prozent der Haushalte wären in dieser Gruppe von einem einjährigen Heimaufenthalt überfordert. Rund jeder Zweite (50,7 Prozent) könnte sich einen bis zu fünfjährigen Heimaufenthalt finanziell nicht leisten.

Die Autoren haben Daten der Barmer GEK aus den Jahren 2011 bis 2016 zu Grunde gelegt und dabei die Pflegedauer anhand der neu ins Heim aufgenommenen Kohorten bestimmt. Bis zu 58 Prozent dieser Personen wurde nach einem Jahr immer noch im Heim betreut, nach zwei Jahren waren es noch knapp 44 Prozent, nach vier Jahren noch 24 Prozent dieser Personen. Eine Pflegedauer von einigen Jahren sei demnach „kein unwahrscheinliches Ereignis“, heißt es in der Studie.

Nur 4,7 Prozent der Pflegeversicherten hat eine Zusatz-Police

Einschränkend kommt aber hinzu, dass das IW nur die Situation für ein pflegebedürftiges Haushaltsmitglied untersucht hat. Wenn beispielsweise beide Ehepartner Pflege im Heim benötigen, dürfte sich die finanzielle Situation völlig anders darstellen.

Unterdessen verlassen sich die Deutschen auf private Pflegezusatzversicherungen bisher nur selten. 2,8 Millionen dieser Policen hat es im Jahr 2018 gegeben. Zudem verfügten rund 880.000 Menschen über eine geförderte Pflegezusatzversicherung. Alles in allem waren 2018 nur etwa 4,7 Prozent der gesetzlich Pflegeversicherten durch eine solche Police abgesichert.

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