Sektorenübergreifende Notfallversorgung

Hessen rufen immer lauter nach Portalpraxen

Weniger Fehlbesuche in Notaufnahmen gleich weniger Gewalttaten gegen das dortige Personal? Techniker Kasse und Politik in Hessen wollen mehr Portalpraxen.

Von Christoph Barkewitz Veröffentlicht: 27.02.2019, 13:23 Uhr
Hessen rufen immer lauter nach Portalpraxen

Portalpraxen sollen Notaufnahmen entlasten.

© Hauke-Christian Dittrich / dpa / picture alliance

WIESBADEN. Eine Studie über Gewalt gegen Beschäftigte in hessischen Notaufnahmen hat Forderungen nach einer flächendeckenden Einführung von Portalpraxen im Bundesland ausgelöst. Wie berichtet hatte die Hochschule Fulda das Personal in 51 Notaufnahmen in Hessen (354 vollständig ausgefüllte Fragebögen) zu dessen Erfahrung mit körperlicher, verbaler und sexualisierter Gewalt befragt.

Demnach gaben 76 Prozent der Befragten an, in den vergangenen zwölf Monaten mindestens eine Form körperlicher Gewalt erlebt zu haben. Von verbaler Gewalt berichteten sogar 97 Prozent der Befragten. 52 Prozent wiesen auf mindestens eine Form sexualisierter Gewalt hin.

Lösung Portalpraxen?

Diese Berichte seien erschreckend, sagte die Landeschefin der Techniker Krankenkasse in Hessen, Dr. Barbara Voß, „hier sollte dringend Abhilfe geschaffen werden“. Aus Sicht der TK könnten mit Portalpraxen die Patientenzahlen und Gewaltausbrüche in den Notaufnahmen reduziert werden. Denn die Ambulanzen seien häufig wegen Unwissenheit der Patienten über die Notfallstrukturen überlaufen.

Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der TK habe jeder dritte Hesse in den vergangenen drei Jahren mindestens einmal außerhalb der normalen Sprechstundenzeiten die Notaufnahme eines Krankenhauses aufgesucht – in 43 Prozent der Fälle habe es sich nicht um einen Notfall gehandelt. Die Folge seien oft stundenlange Wartezeiten, so Voß.

Gemeinsame, rund um die Uhr besetzte Portalpraxen an Kliniken könnten hingegen als zentrale Anlaufstelle für Notfälle fungieren. Die Mitarbeiter würden Patienten mit leichten Beschwerden zu den sprechstundenfreien Zeiten an den Ärztlichen Bereitschaftsdienst und zu den normalen Öffnungszeiten an die normalen Praxen verwiesen werden.

Schwere Fälle hingegen bleiben in den Notaufnahmen der Kliniken. „Dadurch werden Wartezeiten verringert und das Aggressionspotenzial sinkt“, glaubt Voß.

Vorbild: Klinikum Frankfurt-Höchst

Lobend verweist die TK-Chefin dazu auf die gemeinsame Anlaufstelle am Klinikum Frankfurt-Höchst, ein vom Land finanziertes Modellprojekt von KV und Klinikum. Die neue schwarz-grüne Landesregierung setzt ausdrücklich auf diese Variante.

„In der sektorenübergreifenden Notfallversorgung orientieren wir uns am Höchster Modell, bei dem in der Notaufnahme des Krankenhauses entschieden wird, ob die Patientinnen und Patienten im Krankenhaus verbleiben oder zum Ärztlichen Bereitschaftsdienst beziehungsweise zu einer durch die Kassenärztliche Vereinigung vermittelten Partnerpraxis weitergeleitet werden“, heißt es im Koalitionsvertrag vom Dezember. Bis zum Ende der Legislaturperiode solle dieses Verfahren flächendeckend eingeführt werden.

Die Linken-Fraktion im Landtag sieht nach der Fuldaer Studie jedoch „dringenden Handlungsbedarf“ für die Landesregierung. Die Behandlung der Gesundheit als Ware werde seit Jahren auf dem Rücken der Beschäftigten und der Patienten ausgetragen, sagt deren gesundheitspolitische Sprecherin Christiane Böhm.

Die entsetzlichen Konsequenzen decke die Fuldaer Untersuchung auf. „Es wird Zeit, dass diese Ergebnisse auch durch die Landesregierung ernstgenommen und strukturelle Veränderungen im Gesundheitssystem angegangen werden“, so Böhm.

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