Reform des Rettungsdienstes

„In Deutschland sterben täglich Menschen, weil wir ein strukturelles Problem haben“

Fehlende Standards, strukturelle Defizite, kaum digitale Vernetzung: Die Björn Steiger Stiftung macht mit Blick auf den Rettungsdienst erheblichen Reformbedarf aus. Ein Punkt aber macht die Sache mit dem Umbau schwierig.

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Zwei Rettungsdienstler schieben eine Transportliege mit Patient in die Notfallaufnahme.

Rettungsassistenten bringen eine Notfallpatientin auf einer Trage in ein Krankenhaus ein. (Symbolbild)

© Stephan Jansen / dpa / picture alliance

Berlin. Reanimieren oder das System schmiert ab: Zum „Europäischen Tag des Notrufs“ (11. Februar) fordert die gemeinnützige Organisation „Björn Steiger Stiftung“ eine Reform der Rettungsleitstellen.

Trotz der lebensrettenden Errungenschaft der 112 gefährdeten strukturelle Defizite, fehlende Standards und eine unzureichende digitale Vernetzung täglich Menschenleben, schreibt die Stiftung in einer Mitteilung.

„Die 112 ist ein Meilenstein für Europa. Aber eine Telefonnummer allein rettet noch kein Leben“, sagt Stiftungs-Präsident Pierre-Enric Steiger. Entscheidend im Notfall sei, was nach dem Wählen der 112 passiere. „In Deutschland sterben täglich Menschen, weil wir ein strukturelles Problem haben.“

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Kritik der Stiftung: In vielen europäischen Ländern seien Rettungsleitstellen vollständig digital vernetzt. Überdies arbeiteten diese mit standardisierten Abfragesystemen und seien Bestandteil der Gesundheitsversorgung. Deutschland dagegen verharre in „föderalen Zuständigkeitskonflikten“.

Digitalisierung und Vernetzung retten Leben

Ein Problem: Der Rettungsdienst wird häufig durch Einsätze in nicht lebensbedrohlichen Fällen „blockiert“, sodass er für echte Notfälle nicht zur Verfügung steht. „Eine digitale Vernetzung aller Ruf- und Notrufnummern könnte den Rettungsdienst erheblich entlasten“, ist Christof Constantin Chwojka, Geschäftsführer Rettungswesen der Björn Steiger Stiftung, überzeugt.

Nötig ist laut Stiftung aber nicht nur die digitale Abstimmung. Überdies brauche es einheitliche Ausbildungsanforderungen, Ausrüstung, Medikamente und Behandlungsalgorithmen. Dies reduziere Fehlerquellen und erhöhe die Behandlungssicherheit im Notfall.

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Die Bundesregierung hat eine Notfall- und Rettungsdienstreform angekündigt. Ein Referentenentwurf des Gesundheitsministeriums liegt bereits vor. Laut einem „Vorhabenplan“ des Ministeriums soll der Entwurf noch im ersten Quartal im Kabinett abgesegnet werden. Ein Ziel der Reform ist eine bessere Patientensteuerung. Das soll über die „verlässliche“ Vernetzung von Fach- und Hausärzten sowie Krankenhausambulanzen geschehen.

Bundesweites Gesundheitsleitsystem geplant

Geplant ist zudem ein Gesundheitsleitsystem. Über dieses System sollen die Rettungsleitstellen der 112 mit den Leitstellen der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) unter der 116 117 digital vernetzt werden. Alle Leitstellen sollen nach abgestimmten und standardisierten digitalen Abfragesystemen arbeiten.

An ausgewählten Krankenhäusern sollen Integrierte Notfallzentren (INZ) errichtet werden. Diese sollen aus einer Notaufnahme des Krankenhauses, ambulanten Notdienststrukturen und einer gemeinsamen Ersteinschätzungsstelle (Tresen) bestehen, um Not- und Akutfälle zu versorgen.

Besonders heikel: Der Bund will mit der Reform ein Leistungssegment „medizinische Notfallrettung“ im SGB V – dem Paragrafenwerk zur gesetzlichen Krankenversicherung – integrieren.

Wie einen fatalen Systemfehler abstellen?

Auch aus Sicht der Björn Steiger Stiftung besteht hier Handlungsbedarf. Deutschland, schreibt die Stiftung, betreibe sein Rettungswesen noch immer als kommunale Gefahrenabwehr – nicht als Teil der medizinischen Versorgung.

„Das führt zu einem fatalen Systemfehler: Vergütet wird bis heute überwiegend nur der Transport eines Patienten – nicht die hochqualitative medizinische Leistung vor Ort. Moderne Notfallmedizin beginnt aber bereits in der Leitstelle“, erklärt Rettungsdienstexperte Chwojka. Leicht dürfte das Ausverhandeln dieses Punktes mit den Ländern nicht werden.

Der Gesundheitsökonom Professor Jonas Schreyögg sagt in einem Interview mit der Ärzte Zeitung, warum das so ist: „Das ist in der Tat alles andere als einfach – auch weil die Rettungsdienste meistens den Landesinnenministerien unterstehen. Dadurch steht der Bund einem komplexen Spektrum an Verhandlungen gegenüber. Das haben wir gesehen, als Jens Spahn Gesundheitsminister war. Der Entwurf damals ist im Grunde daran gescheitert, dass man sich bei den Rettungsdiensten nicht einigen konnte. (hom)

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