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In der Medizin ist der kleine Unterschied oft ganz groß

Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Pharmakogenetik, der Wirkung sowie der Dynamik von Arzneimitteln sollten in der Ausbildung von Medizinstudenten eine weitaus größere Rolle einnehmen, als dies bisher der Fall ist.

Von Bülent Erdogan Veröffentlicht:
Frauen reagieren oft anders auf Arzneimittel als Männer.

Frauen reagieren oft anders auf Arzneimittel als Männer.

© Foto: Bilderbox

Das forderte Professor Petra Thürmann auf dem 33. Interdisziplinären Forum der Bundesärztekammer in Berlin. Die Gründe für die unterschiedliche Reaktion von Männern und Frauen auf Arzneimittel sind Thürmann zufolge vielfältig: So seien Frauen im Schnitt zehn bis zwölf Kilogramm leichter als Männer, hätten andere Fett-, Wasser- und Muskelanteile und verstoffwechselten in höherem Maße eigene Hormone, sagte die Medizinerin vom Philipp-Klee-Institut für Klinische Pharmakologie des Helios-Klinikums in Wuppertal.

Frauen nehmen weiter mehr Medikamente ein

Unterschiede zeigten sich darüber hinaus auch im Anteil verschiedener Enzyme in der Leber. Daraus resultierten Differenzen im Arzneistoffmetabolismus. Zudem erhielten Frauen über alle Altersstufen mehr Medikamente als Männer, so Thürmann.

Dass geschlechtsspezifische Unterschiede in der Pharmakotherapie bislang noch zu kurz kommen, liegt nach Ansicht von Professor Vera Regitz-Zagrosek zu einem großen Teil am Design von Zulassungsstudien. So hätten an der Digitalis-Studie seinerzeit 1000 Frauen, aber 4500 Männer teilgenommen, so die Medizinerin vom Berliner Institut für Geschlechterforschung in der Medizin der Berliner Charité. Daher sei die erhöhte Mortalitätsrate der Frauen zunächst nicht aufgefallen. Bei der geschlechtsspezifischen Analyse anderer Studien habe sich gezeigt, dass für die allgemeine signifikante Reduktion der Mortalität durch den Wirkstoff die Ergebnisse der Männer auslösend waren. Dagegen zeigte sich bei Frauen nur eine geringe Senkung der Sterblichkeit.

Auch bei Tierversuchen besteht nach Ansicht von Regitz-Zagrosek die Gefahr, dass geschlechterspezifische Unterschiede nicht erkannt werden. So würden im kardiovaskulären Bereich 80 bis 90 Prozent männliche Mäuse im Alter von acht oder neun Wochen verwendet. Dies habe mehrere Gründe: Zum einen seien diese Mäuse preiswerter, zum anderen würden weibliche Mäuse in weit höherem Maße als männliche zur Zucht benötigt. Darüber hinaus versuchten die Labore über den Verzicht auf weibliche Mäuse, eine zyklusbedingte Streuung der Ergebnisse auszuschließen. Zudem zeigten die männlichen Mäuse etwa bei einem künstlich herbeigeführten Myokardinfarkt mit Mortalitätsraten von etwa 50 Prozent deutlichere Ergebnisse als weibliche Mäuse mit circa 30 Prozent, so Regitz-Zagrosek.

Psychiatrie: Kinderwunsch in Arzneitherapie einbeziehen

Mitunter wird aber auch Angst vor möglichen Folgen der Arzneimitteleinnahme zu einem Problem: So setzten psychisch kranke Frauen häufig schlagartig ihre Medikamente ab, wenn sie von ihrer Schwangerschaft erführen, sagte die Privatdozentin Dr. Stephanie Krüger von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité. Oft erfolge der Einnahmestopp auf Rat des Arztes. Grund hierfür sei die Furcht vor Missbildungen des ungeborenen Lebens.

Da Frauen in der Regel erst nach der vierten oder fünften Woche von ihrer Schwangerschaft erführen, die Organogenese des Embryos zu diesem Zeitpunkt jedoch zu weiten Teilen abgeschlossen sei, bringe ein "unreflektiertes Absetzen" der Medikamente nicht mehr viel. Folge seien hingegen oft schwere Rückfälle, die sowohl für die Mutter als auch das ungeborene Kind belastend und gefährlich seien. Es sei daher notwendig, psychisch kranke Frauen dafür zu sensibilisieren, bereits dann zum Arzt zu gehen und die weitere Medikation abzuklären, wenn sie den Entschluss fassen, ein Kind zu bekommen, so Krüger.

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