Interview

Industrie- und Gesundheitspolitik sind kein Widerspruch

Politikfolgenabschätzung: Das ist das Ziel des Projekts Gesundheits-Satellitenkonto. Dr. Heinz Riederer, Mitglied der Geschäftsleitung von Sanofi-Aventis Deutschland, erläutert, wie Gesundheits- und Industriepolitik verträglich gemacht werden können.

Veröffentlicht: 11.05.2011, 15:00 Uhr
Industrie- und Gesundheitspolitik sind kein Widerspruch

Dr. Heinz Riederer

© Sanofi-Aventis

Ärzte Zeitung: Herr Dr. Riederer, was war das Motiv von Sanofi-Aventis, das Projekt Satellitenkonto zu initiieren?

Riederer: Es gibt vom Bundeswirtschaftsministerium ein Projekt zur volkswirtschaftlichen Bedeutung der Gesundheitswirtschaft in Deutschland. Wir haben das zum Anlass genommen zu prüfen, ob man das auch auf einzelne Segmente anwenden kann und haben eine Modellrechnung für unser Unternehmen gemacht. Wir haben jetzt unternehmensspezifische Daten. Dabei soll es nicht bleiben. Im nächsten Schritt sollen breitere Segmente beschrieben werden, um Entscheidungsgrundlagen zu schaffen.

Ärzte Zeitung: Welche Schlussfolgerungen sollten Gesundheitspolitiker daraus ziehen?

Riederer: Es ist keine Überraschung, dass gesundheitspolitische Entscheidungen Konsequenzen für die Volkswirtschaft haben. Das sollte nicht nur abstrakt im Raum stehen. Am besten wären konkrete Zahlen und Fakten für solche Interdependenzen, die dann eine solide Grundlage für politische Entscheidungen sein können.

Ärzte Zeitung: Etwa die Wirkung auf Beschäftigung oder Steuerleistungen eines Unternehmens.

Riederer: Ja, das sind qualitative und quantitative Zusammenhänge.

Ärzte Zeitung: Haben Sie das Modell Gesundheitspolitikern vorgestellt? Und wie haben die reagiert?

Riederer: Ja. Tatsächlich stoßen die Zahlen auf sehr großes Interesse. Es wird anerkannt, dass solch eine Entscheidungsgrundlage sehr nützlich sein kann, um die Konsequenzen besser beurteilen zu können.

Ärzte Zeitung: Lassen Sie uns das mal konkret an einem Beispiel aus Ihrem Unternehmen machen: Nehmen wir das Insulin-Analogon Lantus®, das Sanofi-Aventis für die ganze Welt in Frankfurt produziert.Was würde die Folge sein, wenn aufgrund einer Nutzenbewertung oder einer Entscheidung im Gemeinsamen Bundesausschuss ein Festbetrag festgelegt würde, der Sie dazu zwingen müsste, den Preis zu halbieren?

Riederer: Das würde zunächst einmal für das deutsche Gesundheitswesen kaum Kosten sparen. Denn wir haben durch Mehrwertverträge eine wirtschaftliche Versorgung. Eine Preissenkung, die durch einen Festbetrag erzwungen wird, würde sich aber auf die Preisniveaus anderer Länder auswirken. Das würde unsere Exporterlöse deutlich schmälern. Und davon wäre dann auch der deutsche Fiskus empfindlich betroffen, ebenso wie die Sozialversicherungen.

Ärzte Zeitung: 96 Prozent des gesamten Lantus®-Umsatzes von über drei Milliarden Euro erzielen Sie im Ausland.

Riederer: Das sind die Größenordnungen.

Ärzte Zeitung: Wie groß ist der Anteil des Umsatzes, für die der deutsche Preis quasi eine Signalwirkung hat?

Riederer: Das Volumen ist schwer zu beziffern. Aber rund 25 Länder orientieren sich an den Preisen in Deutschland, darunter fast alle europäischen - und ein so großes Land wie Japan. Es geht um erhebliche Beträge, die der deutschen Volkswirtschaft verloren gingen. Also: Kein Gewinn für die Krankenkassen, aber massive Steuerverluste.

Ärzte Zeitung: Gibt es industriepolitisch verträglichere Sparinstrumente für die Krankenkassen als den Festbetrag oder in Zukunft den Erstattungshöchstbetrag nach einer frühen Nutzenbewertung?

Riederer: Ja. Das Beispiel Lantus® zeigt: Mit Mehrwertverträgen können wir die Qualität der Versorgung und die damit verbundenen Kosten gemeinsam optimieren. Das setzt direkte Verhandlungen mit den betroffenen Kassen voraus, in denen man viel mehr individuelle Aspekte berücksichtigen kann und nicht alles über einen Kamm schert. Industrie- und Gesundheitspolitik sind insofern kein Widerspruch.

Das Interview führte Helmut Laschet

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