Mehr Gewalt?

Jugendämter melden mehr Inobhutnahmen von Kindern während Corona-Pandemie

Die Schulen und Kitas sind zu, ungezwungene Ausflüge momentan kaum möglich. Experten gehen davon aus, dass sich in dieser Situation die Fälle häuslicher Gewalt häufen. Die Jugendämter sehen erste Tendenzen und versuchen flexibel auf die Lage zu reagieren.

Von Jörg Ratzsch Veröffentlicht: 07.04.2020, 12:48 Uhr
In Krisenzeiten steigt die Gefahr für Kinder, Opfer häuslicher Gewalt zu werden.

In Krisenzeiten steigt die Gefahr für Kinder, Opfer häuslicher Gewalt zu werden.

© Patrick Pleul / dpa

Berlin. Die Jugendämter in Deutschland verzeichnen im Zuge der Corona-Krise einen Anstieg sogenannter Inobhutnahmen von Kindern und Jugendlichen. Das sei zwar bisher kein flächendeckendes Phänomen und konkrete Zahlen gebe es frühestens in einem Jahr, sagte der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Landesjugendämter (BAG), Lorenz Bahr, der Deutschen Presse-Agentur. „Aber wir haben schon die Wahrnehmung, dass es einen Anstieg von Inobhutnahmen im städtischen Umfeld gibt.“

Eine Umfrage der BAG in der vergangenen Woche bei den Landesjugendämtern in Deutschland hat demnach ein entsprechendes Bild ergeben. Er persönlich wisse aus einzelnen Städten in Nordrhein-Westfalen, speziell im Rheinland, von mehr Inobhutnahmen, sagte Bahr, der auch Leiter des Landesjugendamts Rheinland ist.

Stärkste Schutzmaßnahme

Die Inobhutnahme gilt als stärkste Schutzmaßnahme bei Kindeswohlgefährdung. Laut Statistischem Bundesamt wurden im Jahr 2018 7800 Kinder vom Jugendamt vorläufig in Obhut genommen. Neuere Daten gibt es noch nicht. Bei 53.000 Kindern und Jugendlichen stellte das Jugendamt fest, dass zwar keine Kindeswohlgefährdung vorliegt, die Familien aber dennoch Hilfe und Unterstützung brauchen – etwa Erziehungsberatung.

Die Jugendämter seien alle gut vorbereitet und gewappnet für die momentane Situation und hätten sich mit hohem Engagement darauf eingestellt. Teilweise sei auch Verstärkung aus anderen Bereichen geholt worden. „Zum Beispiel unterstützen Mitarbeiter aus Kitas die Jugendämter dabei, Familien telefonisch zu kontaktieren.“ Die Ämter seien voll erreichbar und gingen jedem Hinweis auf eine Kindeswohlgefährdung nach, sagte Bahr.

Video-Chats und Hausbesuche am Fenster

Experten sorgen sich in der Corona-Krise zunehmend vor einem Anstieg von häuslicher Gewalt. Hintergrund sind die seit inzwischen drei Wochen andauernden Schul- und Kitaschließungen verbunden mit weitgehenden Ausgangsbeschränkungen.

Die Jugendämter reagieren auf die neuen Herausforderungen mit flexiblen Lösungen. Laut BAG sind vormalige Mitarbeiterteams jetzt auch getrennt unterwegs, um die Infektionsgefahr zu minimieren. Zudem gebe es Video-Chats und auch Hausbesuche am Fenster.

Entscheidend sei, dass der Kontakt zu Familien, die bereits vom Jugendamt betreut werden, nicht abreiße. Wenn es nötig ist, werde nachgehakt, sagte Bahr. „Gerade dort, wo schon vor Corona hoher Unterstützungsbedarf bestand, ist besondere Aufmerksamkeit geboten.

Soweit zur Einschätzung einer Kindeswohlgefährdung ein Hausbesuch im Rahmen des Schutzauftrages des Jugendamtes erforderlich ist, wird dieser auch durchgeführt.“ (dpa)

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